zu einer Ehrenstelle drängen. Aber eben deswegen muss man zuerst auf ihn achten. Denn die, welche um Ehrenstellen werben, und Andern den Rang ablaufen wollen, haben gemeiniglich N e b e n a b s i c h t e n . Sie sind stolz und ehrgeizig, wollen nicht das Beste der Gemeinde, sondern ihren Hochmut befriedigt sehen."
Ferner sprach er: "Es ist wohl gut, dass man einen wohlhabenden Mann zum Gemeindevorsteher wählt; aber Reichtum nicht, sondern Uneigennützigkeit ist die höchste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die meisten Bürger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewaltaber und Richter in seinen eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannen durch eigene Torheit. Sie sollen lieber den wählen, der auch den harterzigen Gläubiger und den reichen Tyrannen in Schranken halten kann."
Ferner sprach er: "Ein guter Kopf tut viel, aber ein redliches Herz tut noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hülfreicher Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen Schuldner? – Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhängig sein, sonst ist nicht er, sondern sein Gläubiger, den er fürchtet, Vorsteher des Ortes."
"Ihr könnet nicht leicht irren, den würdigsten Mann zu finden. Denket nur nach, welchen Mann würdet ihr auf euerm Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer Wittwen und hinterlassenen Waisen machen, in der überzeugung, er werde das Glück der Eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher. – Oder, wenn ihr zu einem eurer Mitbürger in Dienst treten müsstet, welchen wünschtet ihr am liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher!"
"Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches Gemüt hat, welche das Unrecht verabscheut; so findet sich leicht zu Allem guter Rat. Ein einziger guter Kopf ist genug. drei gute Köpfe, ohne gutes Herz, werden sich beisammen nicht vertragen. Denn Jeder will es besser verstehen, als der Andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde."
"Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch nicht schwach, streng und doch nicht harterzig? Oder saget mir, wer ist der beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugetan ist, aber den es doch fürchten muss; der Alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne Lärmen und Geräusch, ohne Zank, ohne Zorn, und dass doch Alles dabei gut geht, wie von selber? – Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde."
So sprach der weise Herr Pfarrer, und Jeder dachte nun anders als vorher. Und als die Gemeinde sich versammelte, um zwei Vorsteher zu wählen, ward von den Meisten verlangt, man solle nicht offen wählen, sondern Jeder solle seine stimme auf einem verschlossenen Zettel eingeben, damit Niemand wisse, wer sie gegeben, auf dass Jeder frei und ohne Furcht und Rücksicht den wählen könne, der ihm der Würdigste scheine. Der Löwenwirt Brenzel wollte zwar dagegen lärmen; denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen verlange, und nun wollte er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten oder von ihm abtrünnig wären. Aber der grimmige Löwenwirt setzte es nicht durch. Und es ward geheimes Stimmenmehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister O s w a l d , in der zweiten der Müller S i e g f r i e d zu Vorstehern des Dorfes erwählt. Letzterer nahm aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater wäre; das tauge nicht, dass aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rat sässen. Also ward, statt des Müllers, gewählt U l r i c h S t a r k , ein stiller, fleissiger, verständiger Mann.
Dem Löwenwirt, da er diese Wahl sah, ward es ganz grün und gelb vor den Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde für das Zutrauen, und empfahl nun seinen lieben J o h a n n e s H e i t e r zum Schulmeister. Und Heiter ward Schulmeister.
Der Löwenwirt ging betäubt, als wäre ihm ein Kirchturm auf den Kopf gefallen, nach haus. Daselbst liess er seine Wut erst an der Katze aus, die ihm schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freundlich an ihm hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er ein Glas Branntewein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark sei eine ehrliche Haut. 22. Der Gemeindsstall muss ausgemistet werden. "O Herr Jerum! O Herr Jerum!" rief der Löwenwirt und kratzte sich hinter den Ohren, so oft er daran dachte, dass Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen Kollegen, gratulirte von ganzem Herzen, sagte: nun wollten sie beide rechte Herzensfreunde werden und wie Brüder leben.
Elsbet wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirts, und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem mann: "Oswald, Oswald, hättest du doch die Stelle nicht angenommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er wird dir eine Grube graben und dich