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woher das komme. Denn je frischer die Milch und je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie für sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten. – Ferner: sonst war in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt, jetzt in den Milchkeller der Käserei an Zins gelegt. Sonst verlor mau viel Zeit, oder hatte keine Zeit, selber Käse zu machen; jetzt ging das von selbst. Sonst kostete es Jedem mehr Holz zum Kochen; jetzt war es ein grosses Holzersparniss.

Einige Goldentaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrügereien; aber man machte bald so strenge gesetz, dass es Keinem mehr in Sinn kam, zu betrügen, er hätte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der Gesellschaft gestossen sein wollen.

Die Einrichtung aber brachte noch einen Vorteil, an den vorher kein Mensch gedacht hatte. Nämlich, weil Jeder gern viel Milch gebracht hätte, um bald viel Käse und Butter davon zu haben, besorgte Jeder sein Vieh besser, als ehemals; baute künstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine grössere Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Kühe in den Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil Jedem daran gelegen war, dass man keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei erwählten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Ställe zu gehen, und die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward über die Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.

21. Vom neuen Gemeindevorsteher und dem

Löwenwirt.

"Der Oswald ist doch ein Hexenmeister und Tausendsasa!" sagten die Goldentaler lachend, wenn er wieder etwas angegeben hatte, das gelungen war. Und es gelang ihm ziemlich Alles, was er anfing, denn er fing nichts ohne Vorbedacht an; er übereilte und überhaspelte nichts, sondern tat einen Schritt um den andern, und nahm nie mehr auf seine Schultern, als er tragen konnte.

Nun hätte man wohl glauben sollen, der Schulmeister habe sich und seine herzige Elsbet mit arbeiten überladen gehabt. Keineswegs; er wusste Alles so einzurichten, dass zuletzt immer Andere ihm einen guten teil der Arbeit abnehmen konnten. Sogar in der Schule hatte er wenig zu tun, denn er hatte sich da einen geschickten jungen Bauerssohn, Namens J o h a n n s H e i t e r , nachgezogen. Der war von armen älteren, und Oswald gab ihm bei sich wohnung und Kost aus der Garküche, und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen. Oswald hatte seinen Johannes sehr lieb, und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht, dass er Oswalden gleich kam. Und die Kinder liebten den Johannes, denn er war sanft und freundlich, und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter, als Oswald. Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld- und Gartenarbeit nach, und freute sich, wenn er sah, wie im dorf Alles nach und nach anders ward.

Und wirklich war es seltsam zu sehen, wie Leute, die vorder arme Schlucker gewesen, nach und nach sich von Schulden frei machten, und wie ihre Häuser ein stattliches Ansehen bekamen; hingegen, wie vormals wohlhabende Bauern, die in ihrer alten Gewohnheit verblieben, nach und nach arm wurden, weil sie das Ihrige verwahrlosten, verlumpten, versoffen, verprozessirten, verspielten.

Die zweiunddreissig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren allentalben voran, wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward. Ihr Beispiel munterte dann viele Nachbarn auf, es auch so zu machen. Die jungen Bursche, welche Oswald am Sonntage unterrichtete, und die Mädchen aus Elsbets Nähschule trugen bei ihren älteren nicht wenig zum Guten bei. Andere aber waren und blieben im dorf unverbesserliche Lumpen. Und an der Spitze des schlechten volkes stand der Löwenwirt B r e n z e l . Dieser war ein geschworner Feind aller neuen Einrichtungen. Er fluchte beständig auf die Neuerer, und sagte, die Religion gehe dabei zu grund; es müsse anders kommen; so könne es nicht länger gehen. Doch hielt ihn der Herr Pfarrer, welcher ihn viel besuchte, immer im Zaum, dass er nicht viel Böses tun konnte. Dazu kam, dass Brenzel seine Hauptstütze, nämlich den dritten Gemeindsvorsteher, von seiner Seite verlor. Dieser hatte schon längst bemerkt, dass es mit seiner Wirtschaft den Krebsgang gehe, und sich darüber aus Verdruss dem Trunk ergeben, dass er keinen Tag nüchtern war. Und um schnell wieder reich zu werden, hatte er in mehrere Lotterien gesetzt und sein Geld verlottert, bis er nichts mehr hatte. Da kamen die Gläubiger, denen er schuldig war, und nahmen ihm das Letzte.

Nun mussten neue Gemeindevorsteher gewählt und der hohen Landesobrigkeit vorgeschlagen werden. Da gab es im dorf zwei Parteien. Die Lumpen wollten Einen oder Zwei ihres Gleichen, denen sie schuldig waren, die rechtschaffenen Leute aber wollten das nicht. Es war viel Zanks. Viele fragten den Herrn Pfarrer darüber, wenn er sie nach seiner Gewohnheit besuchte. Er aber antwortete ihnen und sprach:

"Ich wundere mich sehr, dass Keiner von euch noch an den braven Mann gedacht hat, der euch schon so viel Nutzen gestiftet, der so klug, so menschenfreundlich und so tätig ist. Ich meine den Schulmeister. Wenn ihr den wählet, so habet ihr den rechten Mann an der Spitze. Freilich, er gehört nicht zu denen, die sich