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die Rauchsäulen und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt, junge Kinder, welche noch nicht zur Schule geschickt werden können, tagelang ohne Beaufsichtigung zu lassen. Gedenket des grässlichen Todes, welchen das Töchterlein eines unserer Mitbürger sterben musste, als es im unbedeckten Jauchebehälter ertrank! Viele andere ähnliche Unglücksfälle könnten angeführt werden und können wohl gar Euch selbst noch bevorstehen. Ich habe gelesen, wie eine Frau, die, um einige Stunden ausser dem haus zu arbeiten, ihr zweijähriges Kind in der Wiege festband, und in Kot und Unflat liegen und schreien liess, bis es einschlief. Als aber die Rabenmutter zurückkam, stürzte ihr durch die Stubentür des Nachbars Schwein entgegen. Sie fand die Wiege blutig; das arme Kind tot darin, und halb aufgefressen.

Deshalb lasst uns tun, um ähnliches Unglück zu vermeiden, wie anderer Orten geschieht. Da schicken die Leute, welche bei ihren Geschäften im haus, oder im feld, oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben können, dieselben zu einer verständigen person im dorf. Die gibt ihnen die Nahrung, welche von den älteren mitgeschickt worden ist. Die hütet und bewacht die unruhigen Kleinen; hegt und pflegt sie, spielt mit ihnen, und hält sie säuberlich bis der Abend kommt."

Oswald schilderte das Alles ausführlich, also, dass der Vorschlag Vielen einleuchtete. Besonders waren sämmtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden damit, dass es ihnen gar nichts kosten solle, ausser was sie den Kindern jeden Tag zum Essen mitgeben würden. Denn der Adlerwirt sei bereit, um billigen Zins seinen grossen Saal und den Baumgarten herzuleihen; und die junge Frau des Schulmeisters Heiter willig, um mässigen Lohn die Aufsicht zu übernehmen. Zins und Lohn werden aus der Gemeindekasse, und Beiträgen einiger hablichen Leute bestritten werden. Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen.

Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu: dass man die Kindlein, mit welchen Gott die älteren gesegnet und erfreut habe, nicht schon von der Wiege an, wie unvernünftige Tiere, in Kot und Unflat solle verwildern, sondern frühzeitig an Zucht und Gehorsam, Liebe und Gottesfurcht gewöhnen lassen. Darum habe schon Christus der Herr gerufen: "Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht."

Nach diesen Reden, zu denen auch einige andere verständige Männer ihren Beifall vernehmen liessen, und sagten, man lässt ja Pferde, Ochsen und Schafe hüten, dass sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften: warum denn nicht unsre armen lieben Kinder? willigten die Versammelten in den Vorschlag ein; doch blieb jedem überlassen, wer Lust dazu habe, sich, für seine Kleinen, beim Schulmeister Heiter zu melden und einschreiben zu lassen.

In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmündigen gering, welche man dieser neuen Anstalt anvertraute. Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern nach, zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen, ihre Allerjüngsten dahin zu geben. Frau Heiter war sogar endlich genötigt, Gehülfinnen anzunehmen, die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd Beistand leisteten. Auch Elsbet und Oswald zeigten sich dabei sehr tätig, bis Alles im rechten gang war; nicht minder der gute Pfarrer und mancher rechtschaffene Hausvater im dorf. Anfangs liefen viele Mütter neugierig dahin, das fröhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen, und sie konnten die artige Einrichtung nicht laut genug loben und rühmen.

Aber es war recht lustig, das muntere Getümmel und Treiben der Heerde von Kindern zu sehen; wie die Einen mit einander spielten, die Andern beisammen plauderten; Andre umherhüpften und tanzten; Andre zankten; Andre schliefen; Andre assen; Andre um die Aufseherin standen, kleine Geschichten zu hören, die sie ganz kindlich erzählte.

Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glöckchen das Zeichen, ward Alles still. Mädchen und Bübchen nahmen durch einander auf niedrigen, langen Bänken ihren Sitz. Dann zeigte ihnen ein Lehrer, oder die Lehrerin, allerlei Dinge vor, einen Vogel im Käfig, ein Kleidungsstück, eine Kugel, einen Degen, eine Feldfrucht und dergleichen, und fragte um den Namen solcher Dinge, oder sprach den Namen vor, und alle sprachen ihn nach. So lernten sie vielerlei Sachen kennen und nennen; das heisst, sie lernten reden. Auch hörten sie gern, wozu man dies und das gebrauche, wozu es nützen oder schaden könne, und wovon es verfertigt sei.

Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhören, wenn sich, während die Kleinern Spiele machten, die grösseren um die Lehrerin stellten; diese dann einen Bogen Papier in die Höhe hielt, und fragte: wo das Papier wachse? und Alle gar altklug über die Frage lachten und riefen: "Nein, Papier wächst nicht auf den Aeckern; es wird von Menschen gemacht." Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug vorgewiesen und erzählt, wie daraus auf der Papiermühle Papier bereitet werde; dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse, gebrecht, gehechelt, gesponnen und zu Leinwand gewoben, und wenn diese verbraucht wäre, zu Papier benutzt würde. Das unterhielt und belustigte die wissbegierigen Kleinen sehr; sie bekamen dabei noch allerlei zu sehen, wie Samen, Pflanze, Flachs, Zwirn u.s.w.

War's Wetter irgend leidlich, trieb sich die jugendliche Horde lärmend, schwärmend, singend, springend im Garten umher, oder ward in Reih' und Glied aufgestellt, Soldaten zu spielen. Die Schulmeisterin ward General;