Erwachsenen zur Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten. Die Kinder hatten in der Küche mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt. – Ein Unglück kommt selten allein, sagt man. Und diesmal war's der Fall.
Als Abends die Goldentaler vom Löschen heimkamen, sahen sie vor der Haustür des Adlerwirts K r e i d e n m a n n einen Haufen Weiber, Knechte, Mägde versammelt. Einige trockneten sich die Tränen vom Auge, Andere seufzten mitleidig; Alle standen ernst und niedergeschlagen da. Aus dem haus aber erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens. Denn das jüngste vierjährige Töchterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebüsst. Es war hinter dem haus, beim Stalle, in die Mistjauche gefallen, und elendiglich in der stinkenden Pfütze ertrunken. Jedermann hatte das Kind lieb gehabt, denn es war artig und hübsch, wie ein kleiner Engel, gewesen. Darum sah man überall so grosses Herzeleid.
Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begräbniss des Mägdleins rührende Worte des Trostes gesprochen hatte, begab er sich zu seinem Freunde Oswald und sagte: "Lieber Freund, gute Worte sind allerdings löblich; aber gute Taten viel löblicher. Es ist besser, Unglück verhüten, als darüber trösten. Es ist unverantwortlich, dass Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmündigen Kleinen ohne Aufsicht zu haus sich selbst überlassen! Es ist unverantwortlich, weil unverständig, gegen alle Aelternpflichten gesündigt, und gefahrvoll für sie selbst und Andre. Warum richtet man bei uns kein B e w a h r h a u s d e r U n m ü n d i g e n ein, keine sogenannte K l e i n k i n d e r s c h u l e , wie man in vielen Städten und Ortschaften hat? Das ist ja gar nicht kostspielig; erspart den älteren Angst und sorge, wenn sie, um Geld zu verdienen, von haus sich entfernen müssen, und beugt manchem Jammer und Elend vor."
Oswald schüttelte den Kopf. Er gestand, er habe von dergleichen Bewahrhäusern, oder Kleinkinderschulen nie gehört, noch weniger solche gesehen. Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr. Er erteilte ihm darüber Auskunft und sagte: man gebe die Kinder, welche noch nicht alt genug wären die schulen zu besuchen, der Aufsicht einer verständigen Frau. Diese hüte und besorge die Kleinen den ganzen Tag über, während die älteren ausser Hauses in der Arbeit wären; spiele mit ihnen in der stube, oder, bei gutem Wetter, im Freien; gewöhne sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam; lehre sie im Spielen mancherlei Nützliches; und gebe ihnen zu essen, was man Morgens für sie geschickt hätte.
Es hörte Oswald die Worte des Pfarrers mit grosser Aufmerksamkeit; schüttelte dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf, und sprach: "Die Bauern hier zu land sind noch etwas rohes Volk. Viele älteren sind gewissenlose Menschen, die sich um ihre Schweine, Ziegen und Kühe weit mehr, als um ihre eignen armen Kinder bekümmern. Ich fürchte, sie würden, wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben wissen, ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen! – Dann aber, glaube' ich auch, taugt es nicht, dass man die kleinen Geschöpfe, ehe sie das sechste Jahr zurückgelegt haben, schon zum Lernen anhalte. Es ist zu früh. Man muss, in so zartem Alter, vor allen Dingen nur für Pflege ihrer Gesundheit, und für Stärkung ihrer schwachen Kräfte sorge tragen."
Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwürfen des vorsichtigen Gemeinde-Vorstehers nicht ganz unrecht geben; doch tat er die Gegenfrage: Ob sich denn die älteren von ihrem Pflichtgefühl und ihren Kindern wohl mehr entwöhnten, wenn sie diese, statt ohne alle Aufsicht, den ganzen Tag unter guter Obhut und Aufsicht liessen? Und, fügte er hinzu: auch ist keine Rede davon, dass die jungen Geschöpfe dort schon Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, oder was sonst in der Schule gelehrt wird; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge erfahren, nennen und kennen lernen, die auch ihrer zarten Jugend nützlich sind, und neben Uebung ihrer geringen Leibeskräfte auch zur Vorübung ihrer Verstandeskräfte dienen können. Dazu führte der würdige Pfarrer manche Beispiele aus Bewahrhäusern an, die er selber gesehen, und bewies die Wohltat solcher Anstalten so sonnenklar und deutlich, dass Oswald ihm endlich ganz überzeugt Hand und Wort darauf gab, der Plan müsse ausgeführt werden.
Und von stunde' an überlegte und sann Oswald, wie die Sache am besten anzustellen sei? Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter, der neulich geheiratet hatte, und dessen junge Frau geneigt schien, unter Elsbets und ihres Mannes Rat und Beistand, die Aufsicht zu übernehmen. Er sprach mit dem Adlerwirt Kreidemann, der in seinem haus einen grossen Saal besass, welcher allsonntäglich sonst mit Trinkern und Karten- und Würfelspielern gefüllt war, jetzt aber leer stand; dazu befand sich auch hinter dessen haus ein geräumiger Baumgarten, der zum Tummelplatz für Kinder dienen konnte. Er sprach mit den Beisitzern des Gemeinderats; mit den zweiunddreissig geheimen Bundesgenossen, und vielen Andern im dorf. Er nicht allein, sondern überall war ihm auch der tätige Seelsorger in der Gemeinde mit Rat und Tat und Zuspruch zur hülfe.
Nachdem nun Alles und Jedes bedächtig eingeleitet und vorbereitet war, trat Oswald an einem SonntagNachmittag vor der versammelten Gemeinde auf, redete und sprach: "Ihr Männer, liebe Mitbürger, vor wenigen Wochen haben