hatte seine Bienenstöcke aber nicht lange bei sich, sondern verschenkte sie an die ärmsten Haushaltungen, und lehrte diese, wie sie die nützlichen Tiere besorgen mussten. Nur behielt er sich vor, wenn es neue Schwärme gab, sie aufzufangen und denen zu geben, die noch keine besassen, bis fast alle Familien mit Bienen versehen waren. Und weil er die Sache meisterlich verstand, gedieh sie bei Allen. Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen und schönes Geld dafür heimgenommen. Und mit der Zeit ist Goldental im ganzen land berühmt geworden durch seinen Bienenstand, also dass aus entlegenen Ortschaften die Käufer kamen, und den Preis des Wachses und Honigs im dorf steigerten, weil jeder den Goldentaler Honig pries. Und sie hatten Heerden, für die sie kein Land und Futter gebrauchten, sondern die auf ihren zarten Flügeln über Felder und Wälder schwärmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen.
Und wie der Herr Pfarrer diese und andere löbliche Einrichtungen in den Häusern machte, so machte er auch dergleichen in der Kirche. Hier aber hielt es fast schwer, besonders bei den alten Leuten, die sehr hartnäckig am Alten hingen. Wenn die Gemeinde in der Kirche sang, war es ein gewaltiges Durcheinanderschreien, ohne Lieblichkeit und Wohllaut. Jeder schrie aus Leibeskräften um die Wette mit dem Nachbar, als sollten die Fenster springen und die Gewölbe des Tempels zerbersten. Die Leute wurden dabei zuweilen von der Anstrengung kirschbraun im Gesicht.
Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet; aber er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht. Darum liess er die ältern Leute gehen, und hielt es mit den jüngern und Kindern. Die lehrte er feinen, lieblichen Gesang, vierstimmig, dass es recht erbaulich und rührend anzuhören war. Die Bauern und ihre Weiber hörten recht gern zu; doch sie meinten, das sei wohl gut in der Schule, aber nicht in der Kirche, und liessen es beim alten Geschrei bewenden.
Da griff es der Herr Pfarrer anders an. Ob er gleich die alten Lieder in Ehren hielt, teilte er doch, als Anhang zu den alten Liedern, in den Haushaltungen ein kleines Büchlein mit; das entielt allerlei schöne Gebete in Versen für solche Fälle, die in den alten Liedern fehlen mochten. Und dies Büchlein war dasselbe, was die Kinder schon längst in der Schule gehabt und gesungen hatten. Das war den Alten schon recht, denn es kostete sie nichts.
Nachdem manche Woche und mancher monat vergangen war, hielt eines Sonntags der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt über den Nutzen der Feierlichkeit beim öffentlichen Gottesdienst. Und er sprach von König Davids heiligem Harfenspiel und vom Halleluja der Engel am Trone Gottes. Und jeder Bauer verspürte, dass er bisher nicht mit gehöriger Andacht gesungen habe, wie die Engel Gottes singen. Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt: "Der Heiland hat gesprochen: lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Also wollen wir auch unsern Söhnen und Töchtern nicht wehren, zum Heiland zu kommen. Und alle Sonntage sollen sie zuerst, ehe wir singen, einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer Herzenserweckung; künftigen Sonntag das erste Mal."
So sprach er. Und am nächsten Sonntage war die Kirche gedrängt voll; und an den schwarzen Tafeln der Kirchtüren stand erst ein Vers aus dem Anhang, dann ein altes Lied angezeichnet. Die Leute hatten von selbst das Anhangbüchlein mitgebracht. Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch die Kirchengewölbe. Es wurden viele Leuten vor Rührung die Augen feucht, die Herzen warm. Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schöne Lied nach. Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen. Der Herr Pfarrer sprach aber zuvor: "Ihr Männer, lieben Brüder, und ihr christlichen Frauen, vergesset nicht, dass unser Gott allgegenwärtig ist, und er euch höret, ob ihr gleich vor ihm sanft singet, wie Harfen Davids." So sprach er. Die Gemeinde sang, und so sanft, dass man die schönen vierstimmigen Töne der jungen Leute hell und deutlich dazwischen hörte. Das klang wunderlieblich. Und wenn ein altes Weib einmal allzulaut hineinkreischte, stiess sie der Nachbar an, sie solle die Andacht nicht stören.
So ging es manchen Sonntag. Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend, denn er gefiel ihnen wohl. Zuletzt sang die gesammte Gemeinde leise mit, sogar der Herr Pfarrer. Oft geschah, dass man bloss aus dem Anhang singen musste.
Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dörfern einmal von Ungefähr in die Goldentaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten, ward ihnen wundersam zu Mut. Und sie waren andächtiger hier, als anderswo. Und im ganzen land redeten sie davon.
19. Glück führt oft zur Unglücks-Schwelle,
Unglück oft zur Glücks-Quelle.
In denselben Tagen aber begab sich ein grosses Unglück im benachbarten dorf F e r k e l h a u s e n , wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach, während die Leute dort auf dem feld gearbeitet hatten. Zwar aus Goldental, wie aus andern naheliegenden Ortschaften, war man sogleich zur hülfe dahin geeilt. Allein binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhäuser von den Flammen in Schutt und Asche verwandelt, und einige Stücke Viehs blieben in den Ställen lebendig verbrannt. Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden, die in einem der Häuser zurückgelassen worden waren, als sich die