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ihm die Rede. Und man vergass die Jugend des Lehrers, und seine zarte Gestalt, und die Mildigkeit seiner stimme. Denn seine Worte waren Himmelsworte, die da an das Herz drangen mit Süssigkeit und Entsetzen.

Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte, um ihre Einrichtung kennen zu lernen, machte die Reinlichkeit, Stille und Ordnung der Kinder, wie sie kamen, ihm grosse Freude. Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel und die ganze Schule niedersank zum Gebet, rührte ihn der schöne Anblick der betenden Jugend. Und er kniete und beugte sich vor Gott, und die hellen Tränen flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen. Und er blieb liegen, als Oswald geendet hatte, und streckte die gefalteten hände zum Himmel und sprach: "Mein Vater im Himmel, höre auch mein Gebet und Seufzen! bleibe mit deiner Gnade gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern, dass sie sich nie von dir verlieren; bleibe, bis es bei ihnen Abend wird, und du sie aus der Welt voll Prüfungen hinwegrufst an dein Vaterherz. Dann, o dann, Barmherziger! vergib um Jesu willen auch mir meine Sünden, dass ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen Tron, und drüben keiner fehle von uns. Und segne den Lehrer dieser frommen Jugend, segne sein Wort und Werk, dass er mächtig bleibe durch deine Macht, dein Reich herrlich zu erweitern!"

So sprach er; dann stand er auf und sagte zu den Kindern: "Liebe Kindlein, betet fleissig für diesen euern Lehrer, dass ihn Gott euch erhalte; denn wahrlich, dieser Mann ist euer Vater, und ohne ihn wäret ihr trostlose, verlassene arme Waisen!" – Dies und anderes Schöne redete er; und die Knaben und Mägdlein schluchzten laut, und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber, als sonst, denn sie bedachten, er könne ihnen einst sterben. Und viele falteten die hände, und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Tränen gegen Himmel!

Und als endlich die Morgenschule vollendet war, ging der Herr Pfarrer zum Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drückte ihn an sein Herz und sprach: "O du frommer und gerechter Mann, du säest Saaten, die dir herrlich in der Ewigkeit aufblühen; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen, denn du hast vieles getan und ich noch so wenig. Und wenn ich je den Mut verlieren sollte, will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen, und will werden wie sie, hoffend, glaubend, liebend, und mich durch den Anblick deines Beispiels und deiner Beharrlichkeit stärken."

Das war ein rechter Feiertag für alle Kinder im dorf gewesen. Sie hatten zwar den Oswald und die Elsbet schon vorher lieb gehabt von Herzen. Nun sie aber gesehen hatten, wie grosse Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern bewies, betrachteten sie Oswalden und Elsbeten recht wie höhere Wesen, und in ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung.

Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im dorf, so war er schon der rechte Hausfreund und Ratgeber der meisten Familien. Von ihm kam allezeit die beste Meinung, der beste Trost. Die Mühseligen und Beladenen fanden bei ihm Erquickung. In den Hütten sprach er als ein irdischer Freund. Sonntags aber ward den Leuten immer zu Mut, als sei der liebe, heilige Mann gestorben, und er rede in der Kirche als ein Verklärter, der aus den Himmeln gekommen oben herab, und wolle sie nachziehe in das Ewiglich-Schöne.

Und er tat den Armen viel Gutes; man wusste es nur kaum, so bescheiden tat er das Gute. Und wo Kranke waren, fehlte er nicht. Er hatte in seinem haus eine kleine Apoteke von einfachen Hausmitteln. Daraus half er oft. Er las gern die Schriften der ärzte, und wusste vieles zu heilen, ohne grosse Kunst. So ward er nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen. Das brachte ihm grosses Vertrauen und vielen Gehorsam. Also tat er, wie Christus der Herr und seine Jünger, und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes.

Und so geschah, dass er die unwissenden Leute von allerlei abergläubigen, sympatetischen und oft grundschädlichen Mitteln in Krankheiten abgewöhnte. Sie liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel, nicht mehr zu den Henkern, Scharfrichtern, Wasserbeschauern und Quacksalbern. Denn er forderte für seine Mühe und Arznei kein Geld, und half doch besser, als zwei Pfuscher. Wenn aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward, mussten die Leute sogleich auf seinen Rat zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden. Anfänglich sträubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem alten weib oder einem verschmitzten Harngucker, als zu einem rechtschaffenen Mann, der die Arzneikunst gründlich erlernt hatte; oder sie liefen von einem Doktor zum andern, wenn die Arznei von dem einen nicht jählings half, und gebrauchten allerlei Mittel durch einander, dass das Uebel immer schlimmer werden musste. Der Herr Pfarrer aber wusste die Leute bald auf andern Sinn zu bringen, denn er musste es wohl besser verstehen, da er selber im Heilen Erfahrung hatte. Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam.

Er wusste auch sonst noch viele Dinge, die man bei ihm nicht vermutete. Er war ein geschickter Bienenvater, und wusste die Bienen aufs beste zu pflegen, vor Unfall zu hüten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten, wenn es daran fehlen wollte. Er