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Da antwortete der Schulmeister und sprach: "Ihr Toren, die Wetter Gottes gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes, wie über kahle Ebenen; und seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in Eisenstäbe, oder in See'n, Flüsse und Meere fallen. Aber der Herr gab uns Einsicht, auf dass wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das wasser zum Löschen des Feuers. Brauchet ihr nun das wasser zum Löschen des Feuers, warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen? Es ist kein Uebel in der Welt, Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben. Aber der Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstockteit das Mittel verschmäht, ist ein Verächter von Gottes teuersten Gaben, und leidet gerechte Strafe, es sei, dass sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder dass sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde."

Viele glaubten an diese verständige Reden. Andere aber, die Blöden und Hochmütigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht zugeben, dass es der Schulmeister besser verstehe, als sie; denn sie schämten sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unverständigkeit das Ansehen der Klugheit verleihen.

Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt. Der neu erwählte Herr Pfarrer R o d e r i c h , damals noch ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, kam ins Dorf.

"Ei!" riefen einige Bauern: "was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regierung keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und einen würdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat." Andere sprachen: "Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten. Das taugt nichts. Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr lernen. Da muss man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein ganz anderer Mann! Der predigte so schön und gründlich gelehrt, dass ihn unsereins nur nicht verstand, und wenn er andertalb Stunden auf der Kanzel war. Der wusste unsereins herzunehmen, wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing und von Busse und Glauben, und wenn er das ganze Sündenregister hersagte. Zumal im Winter, wenn es in der Kirche fror, dass man hätte Ach und Weh schreien mögen, dann machte er's am längsten!" – Wieder Andere sagten: "Ja, der alte Herr selig, das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar, da war doch von seiner grossen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarrer ist viel zu schmal, und dünn wie ein Zwirnfaden. Ja, und wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte, hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei Stunde hernach. Der hatte eine stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so, als wäre er bei uns in der stube."

So urteilten die Leute zu Goldental, doch auch nicht alle.

18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer.

Es gab auch Leute im dorf, die sahen wohl, dass der Pfarrer R o d e r i c h ein recht frommer, würdiger und gelehrter Mann war, ungeachtet seiner Jugend, ein Mann nach dem Herzen Gottes. Ja, wenn man ihn lange beobachtete, ward einem zu Mute, als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch, und von wahrhaft himmlischer Abkunft. Denn er war leutselig und doch voll Ernstes; er war demütig, und flösste doch in seiner Demut grosse Ehrfurcht ein. Er schalt nie, er zürnte nie, und war immerdar voll Sanftmut und Geduld; und wenn er tadelte, hörte man nur die stimme der Liebe, die den Verirrten zurechtwies.

Als er in Goldental angekommen war, besuchte er alle Familien im dorf und machte sich mit allen bekannt. nachher verging kein Tag, dass er nicht bald in dieses, bald in jenes Haus ging. Er verstand da die rechte Kunst, Vertrauen zu erwecken. Immer wusste er guten Rat zu geben, immer die Bekümmertem zu trösten, das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften. Gleichwie Christus der Herr, ward auch er bei armen Leuten gesehen, oder bei denen, die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres Herzens bekannt waren.

Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete, war es ein wunderbares Wesen. Denn Jeder glaubte, der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein. Jeder hörte gleichsam da die geschichte seines eigenen Herzens, das geheimnis seiner eigenen Fehler, und die wahren Ursachen, wie man zu denselben gekommen und von Gott abgefallen sei, und die Art und Weise, wie man wieder zum himmlischen Vater zurückkehren müsse. Und dabei wies er immer auf Jesum Christum und die Heiligen Gottes, als die Vorbilder des Wandels zu Gott. Das erweckte dann in jedem Zuhörer grosses Nachdenken, weil Jeglicher meinte, es sei nur von