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taten jetzt gar ernstaft und altklug; die, welche sonst ein wüstes Leben führten, waren in der Kirche sehr andächtig. Die, welche sonst gern herumlagerten und müssig gingen, waren jetzt vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit, im Taglohn oder auf ihren Feldern.

Der Adlerwirt, wenn er Sonntags seine leeren Bänke und Tische beschaute, brach vor Wehmut fast in Tränen aus. "Sind denn die Leute alle verrückt geworden im Kopf?" schrie er. "Was für ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren. Das kann so nicht gehen. Dabei kann kein Ehrenmann länger bestehen. Es muss im dorf andere Ordnung werden. Das ist schändliche Ordnung!"

Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte: "Wenn das Unwesen so fortgeht, muss ich die Wirtschaft aufgeben. Aber ich merk' es wohl, das ist ein infames Komplott gegen mich. Man will mich zu grund richten. Aber ehe das geschieht, soll das Dorf zu grund gehen. Wenn ich nur dahinter kommen könnte, wer diese Teufelei angerichtet hat."

Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen. Er rechnete nach und fand, dass die Aenderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag, da er eine sehr lange Predigt über die christliche Wiedergeburt durch den Glauben gehalten hatte. Er meinte, damit habe er Alles ausgerichtet, und sagte es auch. Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher, wo sie konnten, und die Wirte spielten ihm allerlei böse Streiche hinterrücks, und gingen fast gar nicht mehr zur Kirche.

Der Adlerwirt, um sein saures Bier anzubringen, verkaufte es um halben Preis; er schwefelte seinen Wein, und machte ihn süss, und bezahlte alle Sonntage Spielleute, die mussten lustig aufspielen. Aber von den zweiunddreissig Hausvätern, ihren Söhnen und Töchtern kam Niemand.

Der Löwenwirt suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken, tat freundlich, schenkte Manchem umsonst ein und fragte: "Warum kommst du gar nicht mehr trinken?" Sie antworteten: "Wir haben kein Geld!" – Dann rief er: "Ei, Dummheit! Ihr wisset ja, ich bin nicht so streng, und borge schon. Ihr seid mir lange gut genug." – Aber die Leute kamen doch nicht.

Da geriet der grimmige Löwe in Wut und sprach: "Wenn ihr mir' s so macht, will ich euch die Faust auch zeigen. Ihr sollt an den Löwenwirt Brenzel glauben lernen!"

15. Die Schuldbücher werden aufgetan. Die

Sparkasse und die Garküche.

Nun schlich bald der Eine, bald der Andere von den armen Leuten, die zu dem Goldmacherbund gehörten, in das Haus des Schulmeisters, und klagte seine Not und sprach: "Siehe, Oswald, meine Gelübde, so schwer sie sind, halte ich sie doch pünktlich. Nun ist's ein halbes Jahr, ich bete und arbeite. Nun ist's ein halbes Jahr, ich spiele, saufe und zanke nicht mehr. Mein Haus ist schön säuberlich, Weib und Kind gehen reinlich. Keiner kann über mich klagen. Aber die Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise. Ich bin dem und diesem von ihnen schuldig. Nun drohen sie, mich aus meinem haus zu treiben, wenn ich ihnen nicht zahle, oder nicht bei ihnen trinke. Hilf mir, Oswald, sonst kann ich das Gelübde nicht halten. In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf; strecke mir eine Summe vor, ich will sie dir dann wieder zahlen."

Oswald antwortete: "Das vierte Gelübde heisst: Beten, arbeiten, keine Schulden mehr machen. Ich darf dir also kein Geld borgen. Aber lass sehen, wem und wie viel du schuldig bist; dann wollen wir nachdenken, wie aus der Not kommen."

So sprach er, nahm eine Schreibfeder und Papier, setzte sich hin und schrieb das auf, was man ihm antwortete, wenn er fragte. Er fragte aber Jeden einzeln: "Wem bist du schuldig? Wie viel und mit welchem Zins? Wofür hast du die Schuld gemacht, und hast du Unterpfand gegeben?"

Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte, fragte er wieder: "Womit willst Du bezahlen? Wie viel kannst du, oder können Weib und Kind in der Woche mit Taglohn verdienen? Wie viel Land und Vieh hast du, und was kannst du wohl in mittlern Jahren von dem verkaufen, was du ärntest? Wie ernährst du dich mit den Deinigen? Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche, in einem Tag? Wie steht es mit den Kleidern und Wäsche und Gerät? Was muss angeschafft werden, und wo kann man ohne Schaden sparen?"

Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfältig auf. Nun kam die lüderliche Haushaltungsordnung erst recht ans Tageslicht. Denn Mancher wusste nicht einmal genau, wie viel er schuldig war, und hatte nichts aufgezeichnet. Da musste man sich erst bei den Gläubigern erkundigen. Mancher war drei, vier, fünf Zinse zu bezahlen rückständig. Da musste man erst für diese sorgen. Mancher musste an Gemeindsvorsteher, von denen er in der Not Geld entliehen hatte, acht, auch zwölf vom Hundert verzinsen. Da musste Oswald in die Stadt gehen, an drei und vier Prozent Geld aufnehmen, und gut dafür sprechen, damit die Wucherer bezahlt wurden, und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu grund richten konnten. Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermögen. Da war