" sagten die Andern: "Heldentaten hat er nicht viel verrichtet, denn er weiss nicht viel zu erzählen. Und wer weiss, wo der Narr den Hieb über die Stirn geholt hat. Der ist froh, dass er kein Pulver mehr riechen muss."
"Lasst ihn laufen!" sagten wieder Andere: "Er gibt nur Keinem ein gutes Wort, und meint, weil er Soldat gewesen, müsse man Respekt vor ihm haben. Wir wollen's ihm aber zeigen. Er ist ein hochmütiger Bursch, der froh sein soll, wenn wir ihm keinen Tritt geben."
"Lasst ihn laufen!" sagten noch Andere: "Der hat im Kriege nichts Gutes gelernt. Er hat Bücher, die kein Mensch lesen kann, vielleicht der Pfarrer selber nicht. Und Zeichen und Karaktere stehen darin, dass es ein Graus ist. Was gilt's, der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwören."
"Gott sei bei uns!" riefen Andere: "Richtig ist es bei ihm nicht, das weiss man wohl. Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen, selbst Müllers nicht, die viel mit ihm zu tun haben. Da sieht der Wächter alle Nacht noch Licht brennen, was durch die Fensterladen schimmert. Die stube hält er beständig verschlossen, und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem Tage nie auf."
So sprachen die Leute, und machten ans Oswald nicht viel.
2. Was Oswald im dorf sieht.
Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr zutunlich und mit Allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu Jedem ins Haus und besuchte Einen um den Andern, fragte nach den Kindern, nach den Gütern, nach der Art, die Felder zu bestellen und nach allen Umständen.
Vorzeiten war G o l d e n t h a l ein recht stattliches Dorf gewesen; zwar kein übergrosser Reichtum darin, doch Wohlhabenheit in allen Häusern. Nun aber, mit Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirte, wie auch des Müllers, stand es überall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen. Von hundert Haushaltungen schickten wohl zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kümmerlich im Druck von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum teil noch im stand, die Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten, und sich wohl aufrecht zu halten.
Man sah es den Häusern schon von aussen an, wie übel es drinnen sein mochte; man sah es an den zerfallenen Dächern; an den Mauern, von welchen der Kalk abgefallen war; an den verschmierten Wänden und Türen; an den zerbrochenen und mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Kot und Gestank; Tisch und Bänke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von Fliegen blind; der Fussboden voller Löcher; die Dielen schwarz, wie Erde, vom verhärteten Unrat. In den Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr, das nicht einmal rein gewaschen da stand. In den Gärten am haus sah man keine Ordnung, keine Zierlichkeit, sondern etwas Gemüs ganz nachlässig hingepflanzt. Man schien froh zu sein, wenn man für Säue und Menschen nur Erdäpfel genug hatte. Vor den Häusern lagen Mistaufen. Ackergeräte, Holz und was man sonst nicht unter Dach bringen konnte, bunt durcheinander. Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder grob geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen, ungekämmten Haaren; hände und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen. Die kleinen Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflat liegen, oder waren sie grösser, spielten sie halbnackt vor den Häusern im Kote.
Kein Wunder, dass bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten entstunden. Man ging aber lieber zu einem alten weib, zum Scharfrichter, zu einem Harnbeschauer und Quacksalber, wenn er es nur wohlfeil machte, als zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor. Wenn nun Mann oder Frau bettlägerig waren und nicht arbeiten konnten, ging es in der Wirtschaft den Krebsgang. Da musste ein Stück Hausgerät oder Vieh oder gar Land in der Not verkauft, oder Geld gegen schweren Zins entliehen werden. Das dauerte dann, bis man mehr Schulden hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.
Wenn Oswald da und dort guten Rat geben wollte, oder wenn er die Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er mürrische Gesichter zum Dank. Die Einen sagten: arme Leute können nicht alles so schön haben, sondern müssen es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in deinen eigenen Dreck!
Bei den reichen Bauern sah es nun im haus wohl besser aus, und war mehr Hausgerät und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel Unsauberkeit und Nachlässigkeit. Denn weil sie beständig und überall Bettelwirtschaften vor Augen hatten, so gewöhnten sie sich daran, und trieben es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur Sonntags prunkten sie hoffärtig einher. Daher hörte man auch bei ihnen nichts, als Klagen über die bösen zeiten, über die Regierung und über die Leute im Dorf. Denn weil im dorf fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine grosse Schuld von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der