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Oswald öffnete neugierig das Fenster, und sah sein ganzes Haus wunderbar mit Blumenkränzen und Blumenschnüren umhängt und umsponnen. Das hatten in der Nacht still und heimlich seine Schüler und Schülerinnen getan. Auch die kleinsten Kinder hatten dazu Feld- und Gartenblumen gesammelt. So lange das Dorf Goldental auf Erden war, hatte man dergleichen nicht erlebt, und als Oswald wieder zur Schule ging, kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder, gross und klein, reich und arm, und hatten sich mit Blumensträussen geschmückt, als wäre es ein grosser Festtag. Das freute den Oswald und seine junge Frau recht innig; denn das verriet doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit. Und sie küssten die Kinder, liessen ihnen Kuchen backen und teilten Allen aus.

Im dorf aber war viel eitles Geschwätz über die Hochzeit, und Jeder hatte seine Meinung darüber. Denn Niemand konnte begreifen, dass es dabei mit rechten Dingen zugegangen sein solle, sintemal unerhört war, dass der reichste Müller im land seine schöne Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau gegeben. Um die Elsbet würden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit haben, so schön und reich war sie. Man wollte daher gern wissen, warum der Müller einen so einfältigen Streich gemacht habe? Aber der alte Siegfried lachte nur, und die Leute brachten von ihm nichts heraus. Auch die alte Müllerin ward von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen, schlechten Schulmeister, und dass man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhänge. Die Müllerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau. Daher taten ihr die verächtlichen Reden weh, und als sie darüber einst vor Zorn fast weinte, sagte sie zur Adlerwirtin heftig: "Schweigt mit euerm dummen Geschwätz; ihr wisset so viel als nichts. Der Oswald könnte wohl den Adlerwirt und Kreuzwirt auskaufen. Er hat mehr, als man glaubt. Das hab' ich mit meinen leiblichen Augen gesehen. Wenn ich nur reden dürfte, ich könnte euch Dinge sagen, ihr solltet Maul und Nase aufsperren." So sprach sie und schwieg plötzlich, und war verdriesslich, dass sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war, das sie verschweigen wollte. Auch erfuhr die Adlerwirtin weiter nichts, und musste noch dazu versprechen, es Keinem wieder zu sagen.

Die Adlerwirtin sagte es auch Niemandem, als ihrer Schwester und ihrem mann, die vorher geloben mussten, das geheimnis bei sich zu behalten. Aber sie erklärten die Reden der Müllerin so, als habe diese mit leiblichen Augen ganze Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen; und Oswald könne, wenn er wolle, das ganze Dorf kaufen; und es gingen im haus Oswalds manchmal Dinge vor, dass, wenn man sie sagen dürfte, den Leuten die Haare zu Berge stehen würden. Dem Adlerwirt und seiner Schwägerin, als sie dies hörten, standen vor Entsetzen wirklich schon die Haare gegen Berge, und sie konnten nicht anders, und vertrauten das geheimnis nur einigen ihrer besten Freunde.

Nach wenigen Tagen wussten die Leute in Goldental weit mehr, als die Müllerin gesagt hatte. Da hiess es, der Oswald stünde mit dem Fürsten der Hölle im Bündniss; dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben. Doch dreissig Jahre lang solle der Böse den Willen des Schulmeisters tun; am Ende des letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht zwischen elf und zwölf holen, und dem Unglücklichen den Kopf umdrehen, dass das Antlitz im Nacken stehen bleibe. Der Schulmeister habe Gold, so viel er begehre, und der schönen Elsbet habe er einen Liebestrank beigebracht, daran sie hätte entweder rasend werden oder jämmerlich sterben, oder ihn heiraten müssen. Ferner, der Oswald könne Geister bannen, Schätze heben, das Fieber besprechen, den Kühen es antun, dass sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben müssten; er könne das Feuer bannen, sich stich- und kugelfest machen, auf einem Besen durch die Luft reiten und viele andere Dinge mehr. Das habe er alles aus gefährlichen Büchern erlernt; er habe Doktor Fausts Höllenzwang, Kaiser Caroli Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring.

Von diesem Augenblicke an fürchteten sich die Leute in Goldental vor dem Schulmeister entsetzlich. Keiner tat ihm etwas zu leid, aus Angst vor Oswalds Rache und höllischem Bundesgenossen. Sogar der grimmige Löwenwirt unterstand sich nicht, ihm oder dem Müller etwas in den Weg zu legen. Manche Leute schlugen heimlich ein Kreuz, wenn sie dem Oswald von ungefähr begegneten.

11. Elsbet steht in gutem Ruf.

Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbet begegneten, die da blühte wie eine Rose, schlug Niemand vor ihr ein Kreuz, sondern Jeder nickte ihr den freundlichsten guten Tag; und wenn sie vorbei war, blieb wohl Mancher gar still stehen und sah ihr nach. Denn Elsbet war eine schöne Frau, und sie schien mit jedem Tage schöner zu werden, dass sich selbst die Mädchen in Goldental darüber wunderten. Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter, als andere Frauen waren. Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags, Morgens oder Abends, sie war immer, als wollte sie zum Tanz gehen. Sie arbeitete in der Sonnenhitze auf dem feld und im Garten; sie ging in den Stall und besorgte Kuh und Schwein; trug Gemüs und Eier zum Verkauf in die Stadtund dabei war sie allezeit sauber und zierlich, und kein Fleck an ihren Kleidern.

"Ich glaube beinahe, die kann auch schon