gewöhnlich tue.
Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum Schulmeister gingen, ihm die Hand küssten, dann sich still zu ihren Sitzen begaben, wo sie fröhlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten. Es waren der Kinder in allem fünfundfünzig; die Knaben sassen auf der einen, die Mägdlein auf der andern Seite.
Nachdem sie Alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter stimme: "Ihr lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen lieben Gott, unserm Vater, uns demütigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen." Und wie er dies sprach, falteten alle fünfundfünzig Kinder ihre Händlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend. Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Ratsherren aus der Stadt, da sie alles sich demütigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel Aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schönes, rührendes Gebet, welches vor ihm auf dem stuhl lag. Es war so verständlich abgefasst, dass es auch dem verstand des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das Herz eines der Ratsherren so tief, dass ihm die Augen voller Tränen wurden.
Dann standen Alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter stimme vierstimmig ein schönes Morgenlied. Die Kleinen sumseten den Gesang für sich ganz leise nach. Darauf lasen die bessern Leser aus einem buch, abwechselnd einen frommen Vers; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann wieder von einzelnen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig hergesagt.
Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen teils lateinische, teils deutsche Buchstaben, teils Sylben, teils ganze Zeilen in grosser Vorschrift geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine, belehrte das andere, liess das dritte Feder und Griffel besser halten, und dergleichen mehr.
Nach einer Stunde teilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister. Denn die, welche am besten lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Sätzen auf, wie Oswald es angab. Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt, beweglich und einzeln. Dann sah Oswald nach, ob Alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister liess seinen Haufen die Buchstaben, die Sylben, die Wörter und Sätze sprechen mit halblauter stimme. Keiner störte den Andern. Oswalds Auge und Ohr war bei Allen, und mit leiser stimme half er bald links, bald rechts nach.
Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen, und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu; und die Einen sprachen Zahlen zusammen, die Andern addirten, die Dritten subtrahirten, die Vierten sagten das Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel, die rechneten für sich. Am Ende sagte Jeder an, was er herausgebracht. Oswald sah in einem Büchlein nach, worin die gelösten Aufgaben standen, und sagte auf der Stelle, ob recht oder falsch.
Gar bewundernswürdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde Aller. So etwas hatten die Ratsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.
Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den Schulmeister und die Fremden grüssend, still hinweg. Draussen aber war frohes Gelächter und lauter jubel der Kleinen.
Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln. Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papieren, einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefässen. Dies getan, lasen die besten Leser aus einem buch lustige und lehrreiche Geschichten und gespräche vor. Da hätte man die Freude der Kinder sehen sollen über alles das, was sie hörten. Dann befahl Oswald denen, die am besten schreiben konnten, die angehörte geschichte aufzuschreiben und ihm morgen zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen. Zuletzt nannte Oswald öffentlich mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre Sache am besten getan. Und weil derselben sechs waren, machte er Allen die Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen. Und er erzählte ihnen eine ganz erschreckliche geschichte von einem mann, der in der strengsten Winterkälte auf der Landstrasse schläfrig geworden und erfroren sei, dass man ihn tot in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme stube legen und auftauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen, habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben, nachher sogar in eiskaltes wasser gelegt, dass um die Gliedmassen dünnes Eis geworden; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit Wollentüchern stark gerieben, bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen wäre. Wie das zugegangen, erklärte Oswald Alles.
So war der Schultag zu Ende.
9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfall in
der Mühle.
So