– "Nimmermehr!" antwortete der Ehrenhalt. – "Gott behüte mich vor dem Neste!" fuhr Anna heraus, "das schöne Haus in Waiblingen, wer möchte es mit dieser Vorhölle der Langeweile vergleichen; ich atme erst wieder frisch, seit ich weiss, dass wir es so bald nicht wieder sehen; noch schwebt mir aller üble Geruch, das rohe Wirtschaften der Menschen, ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor, jeder sorgte nur für Essen und Trinken und ass und trank, und der Hochmut der Frauen und der steinerne Boden in den zimmern, der wahnsinnige Alte, der Wacholdergeruch, die fischig riechenden Netze an allen Bäumen aufgehängt, der Kot überall, wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte, das Zanken und Schlagen mit den Dienstleuten, die doch nicht des Herrn Willen taten, das Diebswesen und die Heuchelei; wo in den Städten findet sich das alles so zusammen, wie in diesem Landleben." – "Frau Anna" sagte der Ehrenhalt, "Ihr werdet sicher noch einmal wünschen hieher zurück zu kehren, verscherzt das nicht, Ihr wisst doch nur erst wenig von unserm Burgleben, das Jahr ist uns eine Tat, die uns vom Beginnen bis zum Schluss unter Arbeit und Festen an sich fesselt, als gehörten wir notwendig zur Welt, ja wir fühlen uns Mitschöpfer und Mitgeschaffene zugleich. Wer hat Euch die Grillen in den Kopf gesetzt?" – "Jeder, der mir begegnete", rief Anna, "machte mich zum Vertrauten seiner sorge, seiner Bosheit; seine Absichten schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben. Wie viele heimliche Liebeshändel, wie viel Eigennutz in der Liebe!" – "Sie sind wie die Kinder geblieben", sagte der Ehrenhalt, "sie müssen bis an ihr Lebensende erzogen werden, sie sind Bauern, sie werden nie mit sich fertig, noch weniger mit ihren Wünschen und mit ihren kleinen Feindschaften, aber eben, weil sie nie zu leben aufhören, ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und durch sie zu fördern. Gebt acht, was Eurem haus die Bauern werden bringen, wenn sie mit Macht und Andacht sich für die Euren erheben. Ihr werdet Euch schon eines andern bedenken, und vergesst nicht, zu schweigen." – Jetzt drängten sich einige Kinder zu Annen hin, denen sie im schloss einige kleine Gaben geschenkt hatten, sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen. "Wie haben wir hier so schnelle Freunde und Feinde gefunden", sagte Anna, "sieh, wie die Kinder uns mit Gewinden von Kornähren fest zu halten suchen." – "Die Blumen hat der Hagel nicht erschlagen", sagte die Tirolerin, "Ihr weint liebe Frau, erlaubt mir, dass ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schloss einen Abschied singe:
Nun ade, du altes Schloss,
Das da über mir gehangen,
All mein Hoffen und Verlangen,
War auch nur ein Wolkenschloss,
Nun ade, ihr ew'gegen Quellen,
Die ich gähnend angesehen,
Wenn ich hier nicht werde gehen,
Höret nicht zu fliessen auf,
Denn die Welt hat ihren Lauf.
Nun ade, du Berg und Tal,
Die um Waldes Lieblichkeiten
Ihre Felsenarme breiten,
Ihr seid doch wie überall,
Nun ade, ihr Kindlein kleine,
Euch alleine will ich grüssen,
Für die Gaben lasst euch küssen,
wisst nichts von des Schlosses Qual,
Seid wie frisches Grün im Tal.
Nun ade, du alte zeit,
Die in ihren Mutterarmen
Sehnlich trug ein tief Erbarmen,
Mich zu trösten war bereit,
Aber gar nichts konnte ersinnen
Und mit mir fing an zu weinen,
Tränen froren im Besinnen,
So fiel Hagel mir zum Heil
Und zerschlug die Langeweil."
Anna küsste erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied, der Ehrenhalt mochte über sie schelten, er musste sie doch nach dem verwünschten schloss hinsenden, um Annens Reisegerät einzupacken, während er mit Bertold und Anna die unbequeme Landstrasse übers Gebirge einschlug.
Fünfte geschichte
Traubenlese
Wer sein Haus verlässt, um zu verreisen, mag ernstlich beten dass er alle darin wieder finde, aber unserm Bertold wurde dies Gebet nicht erfüllt. Er kam früher heim, als er versprochen hatte, und doch zu spät, Frau Apollonia trat ihm entgegen vor seinem haus, küsste ihn und fragte: Ob er wohl sei. Der alte Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben. – "So sind nun alle tot, die meine Jugend schirmten", rief Bertold, "aber ich habe euch beide, ihr treuen Seelen, mir gewonnen." Mit Tränen küsste er Annen und Apollonien und fühlte sich reich in ihrer Mitte. –
"Wo ist die Tirolerin," fragte darauf Apollonia, um die schmerzliche Stimmung zu zerstreuen. – "Wir wollen ein andersmal von ihr reden", sagte Bertold, "sie war ein Mann, hiess Grünewald ein Sänger des Herzogs Voll Bayern, ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort gefangen zurückgehalten worden." – "Ich muss mich ewig schämen", rief Anna verdriesslich, "liess ich sie doch aus Mitleid während der Reise zweimal in meinem Bette schlafen, täglich musste sie mir die Kleider zuschnüren, ich hatte so ein blindes Vertrauen zu dem Mädchen, weil sie die schönsten Sprüche von Tugend und Frömmigkeit mir vorsagte, streng fastete, kein Gebet versäumte, alles mit einem Eifer, wie es in unsrer Zeit selten zu finden