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ernste Vorstellungen, dass er überall Händel anfange und überall in den Händeln schlecht bestehe. Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit, er weinte über sein Unglück, bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte Vorwürfe, dass er ihm nicht anvertraut habe, diese Fremden seien mit seinem haus verwandt. – "Wir sind's nicht", sagte Bertold, der lebhaft das versehen seiner Frau einsah, "wir rechnen uns nur zu den Euren, weil wir seit vielen Jahren jeden, der uns von hier gesandt, gastfreundlich aufgenommen haben, und so sollt auch Ihr uns willkommen sein, wenn Euch der Weg durch Waiblingen führt." – Nach diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut, das Blut der Wunde war gestillt, er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, indem er zum Ehrenhalt sagte: Er möchte erkennen, dass ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre gewinnen könne, er müsse mit der meuchelmörderisch ihm vielleicht für immer unbrauchbar gemachten Hand heimreiten, und das Volk lebe schon mehrere Tage auf Kosten seines Hauses. Bertold fand sich tiefgekränkt, er schwor, dass dieser junge Hochmut eine Art habe, seinen Zorn zu erregen, wie ihm nie etwas begegnet sei, er fühle sich auf ihn gehetzt, wie der Jagdhund auf die Fährte des Wildes, ohne genau zu wissen warum. – "Einem Verwandten lässt sich doch eher, als jedem andern, eine Kränkung überhören", antwortete der Ehrenhalt, "doch daran erkennt Euer Blut, woraus Ihr stammt; lernt es fürchten, denn selten begegnen sich zweie der Euren in Frieden und Einigkeit. Es führte uns zu weit, Euch den Grund und die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen zeiten zu erzählen, es sei genug, Euch zu warnen; in diesem Zwiste ist alles untergegangen, was die Kronenwächter und alle edlen Geschlechter, die ihnen anhangen, für die Euren unternommen und beabsichtigt hatten. Die Kronenwächter trennten deswegen die verschiednen Zweige, liessen viele in der Unwissenheit, dass sie zu diesem Geschlechte gehörten, sorgten aber für ihre Aufziehung, dass sie brauchbar sich fänden, wenn die Stunde schlägt. Aber auch mit diesen, wenn sie zufällig einen der Unsern berührten, brach Streit aus und Blutvergiessen. Frau Anna hat ein Wort fallen lassen, dass Euch grosses Unheil droht! Können wir hier alles bewahren? Kann nicht eine Stunde kommen, wo Konrad Euch überfällt in der Sicherheit, im Schlafe; können wir doch kaum Frau Ita gegen ihn schützen, die schon einmal am Felsen mit ihm rang, als er sie herunter stürzen wollte. Ihn bändigt nur der Schrecken in seiner Seele, da schwankt er in seinen boshaften Entschlüssen, Mitleid und Edelmut sind ihm fern. Herr Bertold, Ihr müsst fort, Ihr dürft noch nicht untergehen, wir brauchen Kinder von Euch, Ihr seid hier nicht sicher, ich geleite Euch mit der Frau nach Isny, die Tirolerin mag den Wagen mit Euren Sachen nachfördern!" – "Nehmt mich mit", rief die Tirolerin, "der böse Bube verfolgt mich überall." – "Seid ruhig", sagte der Ehrenhalt, "ich empfehle Euch meinen Waffenbrüdern, sie kennen ihre Pflicht. – Der Besuch war nur kurz", fuhr der Ehrenhalt fort, "aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil, guter Bertold, es kann die Zeit der Not kommen, die Euch hieher treibt, Ihr wisst die Wege und habt hier den Reichtum an allem, was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann, übersehen; dies Feld ist verhagelt, der Weizen nährt die Hirsche und Eber, seht, wie sie schon herandringen, nun sie nicht mehr zurückgejagt werden, aber jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt, die Schnitter ziehen dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren, so schützen uns Vorräte auf zehn Jahre gegen jeden Mangel. Der ganze Felsen von Hohenstock ist innerlich zu einem grossen Vorratshause ausgehöhlt, da können wir uns ruhig belagern lassen. Hier, wo sich der Wald öffnet, senkt noch einen blick auf Hohenstock, verwundert ihr Euch?" – "Es liegt in einem grossen See", rief Bertold, "kaum ragt der hohe Damm über das wasser hinaus." – "Seht", fuhr der Ehrenhalt mit Behagen fort, "so etwas habt Ihr weder in Waiblingen, noch in Augsburg gesehen; der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen zum Überfliessen angefüllt, auch ist einer ganz abgelassen, um Fische für die Ernte zu geben, so können wir unsren Sumpf künstlich anfeuchten, wenn je ein seltsam trocknes Jahr seine Oberfläche zu erhärten drohte, dass Feinde sich darüber hinzugehen wagen möchten. Aber das denkt Euch einmal, was bei dem wildesten Gewässer, beim dichtesten wald, bei dem höchsten Berggipfel nicht gedacht werden kann, so lange die Erde steht, ging nie ein Menschenfuss über diese Fläche, als nur auf dem einzigen Wege, auf dem Damme, den der Teufel erbauen half, aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht pflanzte, indem solche wunderbare Liebe für diesen wunderbarsten Fleck der Erde entstand, dass jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete." – "Ja, es ist seltsam", sprach Bertold, "nun ich auf längere Zeit von dem wunderbaren schloss Abschied nehme, quält es mich recht innig, dass ich nicht zum ausschliesslichen Besitz desselben kommen kann, ich möchte dem Rappolt seinen Anteil mit meinem haus abtauschen, geht das wohl?"