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so in sich versinkt", antwortete der Knabe und nahm Abschied.

Bertold und Anna sahen einander verlegen an, als sie auf ihrem Zimmer allein waren, Anna war sehr enttäuscht von den hohen Erwartungen gräflicher Herrlichkeit, Bertold warnte sie, gegen niemand davon zu reden, sie ständen in einer unerbittlichen Gewalt. Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele Nachrichten von der Burgverfassung. Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst genommen, um einem Nachbarn, der sich gegen die Bauern vergangen, das Vieh wegzutreiben, die tobten und tanzten in der Gesindestube, niemand höre ohne Fluchen und Schläge, was ihm gesagt würde: der eine habe ihr das Essen umgestossen, weil er sie durchaus küssen wollte. Die Rosse lägen im hof, dass niemand gehen könne, die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken, und die Enten stürmten die Küche, der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat, als dass sie drüben aus der Küche sich etwas ausbäte, um ihre herrschaft zu speisen.

So waren beide genötigt, bei Frau Ita anzusprechen, die eben in dem Kreise mehrerer andrer Frauen beim Mahle sass, die sie ihnen als die Weiber von Kronenwächtern vorstellte, welche dahin gekommen, um ihren Männern weisse Wäsche zu bringen. Alle fielen über Frau Anna her, sie zu herzen und zu küssen. Der Becher ging fleissig umher, Frau Ita ging zuweilen in die Schlafkammer, wo der Alte jammerte, und brachte ihm etwas, klagte aber dann bitterlich zu Annen, was sie für einen alten, gebrechlichen Herrn habe, wie der sie plage, da sei sie mit ihrem Bertold besser versorgt. Nun erzählten die Frauen von den Taten ihrer Männer: wie vielen Herren der eine gedient habe, ehe er von den Kronenwächtern aufgenommen sei, wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe, wo ein dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold nachher in Metzen ausgemessen habe. Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer, wurde von allen gar ehrfurchtsvoll begrüsst, die Frauen baten ihn, seine Geschichten im Morgenlande zu erzählen, wie er dem Emir, bei dem er gefangen, mit einem silbernen Becher den Hals zerhauen habe, worin ihm dieser Wein unter Verwünschung des christentum gereicht, und wie er auf dem Pferde des Emirs der Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei. Es wurde, als dieser Alte erzählte, eine lebendige Freude ausgegossen, jeder fühlte sich grösser, nur Bertold fühlte sich unendlich gering dass er noch nichts Kriegerisches getan. Noch schmerzlicher fühlte er sich gekränkt, als Frau Anna, die ihren Mann gern auch empfehlen wollte, mit der Turniergeschichte in Augsburg anrückte. Da riefen alle, es sei schade, dass er nicht einen Tag früher gekommen, es hätten gestern nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und wären beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben, durch ihre Spiesse unauflöslich verbunden.

Als sie alle auseinander gegangen, musste Bertold eingestehen, so seltsam dies Völkchen sei, so stehe doch jeder fest auf seinen Füssen und wisse seine Bahn; er möchte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht, wie er es anfange. Anna dagegen wünschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise, aus dieser Gegend fort, sie behauptete, dass die armen Spinnerinnen in Augsburg in ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein, so grob und frech sich ausgedrückt hätten, wie diese edlen, ritterlichen Frauen, Bertold habe nur nicht alles gehört, was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen hätten. Bertold wollte ihren Wunsch, bald abzureisen, gern erfüllen, nur bat er sie, ihn nicht so kund werden zu lassen, auch die Wände hätten da Ohren, das ganze Schloss sei von geheimen Gängen durchzogen, diesen sei alle Schönheit und Regelmässigkeit aufgeopfert, das habe er endlich durch seine Kenntnis vom Bauwesen herausgebracht.

Am andern Morgen fragte Bertold den Ehrenhalt, ob er nicht den Zug gegen die Nachbarn mitmachen könne, wozu schon Leute geworben wären, die gestern im schloss gelegen. Der Ehrenhalt lächelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu und sprach: "Es ist recht, dass Ihr etwas tun wollt, was vor der Welt besteht, der alte Hohenstaufe regt sich in Euch, im Kriege macht der Mensch sein Schwert zum Massstab der Welt und misst alles nach seiner Elle von vorne durch, so kommt alles in die Lage, wie es ihm gefällt; er braucht nicht mehr zu denken, ob er es allen Leuten recht macht, die Leute müssen ihm tun, wie er ihnen tut. Was aber den Zug von gestern abend angeht, so ist der schon zurück und die Leute sind entlassen. Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht, Ihr werdet das saubre Früchtchen heute noch sehen, ein rechter Lilaps und Hannepampel. Kaum war der Zug beim grossen Lug, so sah der Graf im Vollmondschein ein aufgeschürztes Mädchen darin stehen, die Sumpfgras in ihre Kiepe für die Kühe ihrer Mutter schnitt. Gleich war er verliebt, rief sie zärtlich und als sie ihn verlachte und verhöhnte, weil er schwerlich ihr da durch das wasser nach steigen konnte, wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig lernen, so beschoss er sie mit stumpfen Bolzen, als wäre sie eine Festung. Das Mädchen war aufgeschürzt und schrie ach und weh, und suchte nach der andern Seite zu entkommen. Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach, der ins wasser getrieben,