"Ich sah den Himmel offen,
Ein Engel sagte es mir leis:
Und alles Geld, was du gesparet,
Den Armen gib zum Freudenmahl,
Dass Gott, der Herr, dein Kind bewahret
Und führt es leicht zum Sonnenstrahl."
Vierte geschichte
Schloss Hohenstock
Der Reisewagen schwankte heftig ungeachtet des langsamen Fahrens über die rohen Steingerölle, die im Bergwege lagen, dass Bertold längst mit der Frau Anna ausgestiegen war und sich zu dem Ehrenhalt und Grünewald, (der als Tirolerin gekleidet) gesellt hatte, die neben dem Wagen gingen und mit einander den Wagen durch Stricke, die sie an beiden Seiten angebracht, vom Umsturz abzuhalten suchten. "Das ist ein Mordweg!" sagte Anna. – "Es ist noch nicht unser schlechtester Weg", meinte der Ehrenhalt, "so kann er freilich nicht in Ordnung gehalten werden, wie die Wege nach Augsburg, hier fährt kein Güterwagen, kein Reisender, zum Holzfahren ist er immer noch gut genug." – "Warum bleiben wir nicht hier oben", fragte Grünewald, "der Wald ist kühl, die Erdbeeren reif und mein Blumengewinde wächst mir immer wunder barer in der Hand, dass ich Euch endlich damit umgürten muss, Frau Anna. Weilt hier. Der grün bewachsene, meilenweite Sumpf da unten ist für die Kiebitze, die darüber schreien, dass die Leute ihnen ihre sommerfleckigen Eier nehmen. Und was ist das für ein Schwalbennest in der Mitte, sieht aus wie eine gebrochene Kinnlade mit schwarzen Zähnen, da möchte ich nicht begraben sein." – Der Ehrenhalt verwies sie als eine unverständige Närrin zur Ruhe, bei ihrem Kuhmelken und Pomeranzenverkauf werde sie viel wissen, was zu einer Ritterburg gehöre. "Seht Herr", sagte er zu Bertold, "das ist Hohenstock, weil der Fels, worauf es steht, wie der Stock eines Baumes aus dem tiefen Bruch heraus sieht. Das ist gegen jeden Angriff sicher, wenn die brücke und der einzige Damm zerstört sind, der bis dahin führt. Durch den Sumpf watet kein Mensch und die warmen Quellen hindern, dass er je zufriert; der Kaiser mag klug sein, aber wäre er recht gescheit, so setzte er sich in Ruhe auf Hohenstock, würde einer der Unsern und liesse die regieren, die dazu geboren sind. Bei uns da ist alles im Überfluss, was sich ein Mensch wünschen kann, Fische, Wildbret, Früchte, auf der Welt gibt's keine fruchtbarern Gärten, als die Ihr so rings an dem Schlossfelsen glänzen seht. Gott gebe, dass ich von der Wacht auf der Kronenburg entlassen, dort endlich in Ruhe meine Tage beschliessen kann." – Bertold und Anna wollte das Schloss nicht so erfreulich erscheinen, doch äusserten sie nur, dass ihnen der Bau gar seltsam verwirrt scheine, die Gebäude lägen in allerlei spitzen Winkeln, selbst in Krümmungen an einander, wie Kinder in ihren Spielen zu bauen pflegen. – "Das versteht unser einer nicht", antwortete der Ehrenhalt, "aber seht, das grosse Schloss nach dieser Seite gehört Eurer Linie, und das kleinere drüben gehört dem Grafen Rappolt, und in dem Mittelschlosse ist die Kapelle und der Waffensaal." – "Vom Grafen Rappolt habt Ihr mir nie ausführlich gesprochen", sagte Bertold. – "Es ist nicht viel von ihm zu sagen", antwortete der Ehrenhalt "als dass er Euer Oheim ist, er ist meist verwirrt im kopf und was ihm allen Verstand nimmt, ist die Liebschaft zu seiner Ausgeberin Ita, die sein Sohn nicht mehr bei ihm dulden will, weil sie dem alten mann alles abstiehlt und den Ihren zusteckt. Ihr müsst ihn wohl besuchen, aber weiter kümmert Euch nicht um ihn, es kommt nichts dabei heraus, als dass Euch der alte Herr leid tut."
Ein Wächterhorn von der Dammwarte verkündete ihre Ankunft nach dem schloss, als der Weg anfing, gepflastert zu sein. Alle stiegen in den Wagen und nun ging es fast eine Viertelstunde in vollem Lauf über den hohen Damm, der an beiden Seiten mit Obstbäumen und Weiden besetzt war, und über Brükken dem schloss zu, dessen hohe Lage sie erst jetzt in der Ebene erkannten.
Endlich rollten sie durch das enge Tor und da ging es langsam durch den schmalen Burgweg hinauf, der allmählich ansteigend um den Felsen lief, auf einer Seite von Mauern mit Türmen gedeckt, auf der andern Seite mit kleinen Häusern und Ställen besetzt, vor denen Landleute in so schlechter Bekleidung standen, dass die Städter sie für Bettler hielten. "Nein", sagte der Ehrenhalt, "das sind in ihrer Art sehr reiche Leute, aber sie gehen gern bequem in ihren Kleidern und mögen sich ihr gutes Zeug nicht verderben; die haben mehr aufs Brot zu schmieren, als Eure Federhänse in der Stadt, die sich vor Gott mit dem Sprichwort rechtfertigen: Ein jeder sieht den Kragen und keiner in den Magen." – Der Wagen hielt vor dem alten schloss und sie traten in grosse, gewölbte Zimmer, die nur von sehr kleinen, ohne Regel verteilten Fenstern erhellt waren, aber die Aussicht war schön über die grüne Fläche nach dem Gebirge, ein grünes Meer voll Vögel, statt der Fische. Auf eigensinnige Art war der Boden zwischen den verschiednen Zimmern verungleicht, es mussten immer Stufen gestiegen werden, um aus einem Zimmer ins andre zu gelangen. Grosse, schwere Schränke von Eichenholz, mächtige, gepolsterte Lehrstühle, grosse, runde Tische und ein Bette, in dem wohl