Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden hätten. Da er aber von eigner Gleichgültigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen, aber nicht ihre Küsse annehmen mochte und sich beide doch für schön hielten, so meinte jede, die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie gleich in Neid und Eifersucht. Als er nun gar in der nächsten Nacht ausblieb, ward der Unfriede am Brunnen gross. Bertold kehrte am andern Morgen heim und sprach zufällig erst bei Apollonien an, so schien seine Untreue der harrenden Anna gewiss.
Während Apollonia ihm heftig zürnte, trat Bertold mit freudigem Gruss und Gaben ein, erzählte von den schönen Burgen der befreundeten Ritter und drang in Annen, wie Apollonia eben in ihn gedrungen war, die Reise nach Hohenstock mit ihm zu unternehmen, es komme kein Schlächter aus jener Gegend in die Stadt, der ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts überbringe, dort einen Besuch abzustatten, und je mehr er das Leben der Ritter kenne, je weniger lasse sich in ihm das Gefühl unterdrücken, dass er noch zu etwas anderm, als zur Wollrechnung, bestimmt sei. Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen, sie hoffte, Bertold werde sie ausschliesslich lieben, wenn sie mit ihm allein wäre, sie gab ihren Beifall, sie wollten beide vorgeben, dass sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen gelobt hätten.
Es war Sonntag, sie fühlte dunkel, dass sie dem mann unrecht getan habe, oder aber wie Grünewald oft sang:
Sonntag hat ein eigen Wesen,
Innres Streben, äussre Ruh,
Mag von sel'gem Glauben lesen,
Lässt den Drang der Zeit nicht zu.
Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbüchlein, ging aber nicht zum haus hinaus, sondern in den Garten, wo ohne dass sie es wahrnahm, der eifrige Gärtner Bertold beschäftigt war, seine Lieblingsblumen selbst zum Strauss für die Frau abzupflücken. Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und einem Kästchen, worin Feigen und Apfelsinen, trug einen grünen Hut mit einer Feder darauf, grüne Jacke mit kurzem, bunten Rock, auch bunte Strümpfe, sie nannte sich eine Tirolerin, die aus der Hand weissage, und Apollonia meinte sie schon in Augsburg gesehen zu haben. Anna klagte ihr, dass sie vergessen habe, was sie noch eben beichten wollte, und die Tirolerin, – oder vielmehr Grünewald, der so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab, – prophezeite ihr, was er ihr ansah, und hat alles nachher in Reimen abgesungen, wie es da erging:
Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
Und schmückt ein jedes Blumenbeet,
Der Gärtner will ein Sträusslein pflücken,
Weil seine Frau zur Kirche geht.
Und kann sich immer nicht entschliessen,
Wo er sein Messer brauchen soll,
Die Blumen sich im Tau noch küssen
Und Herz am Herzen hängt so voll.
Da kommt sein junges Weib gegangen,
Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,
Ihr blick gesenkt im frommen Bangen,
Zur Laube hat sie sich gewandt;
Wie heimlich glüht die Geissblattlaube,
Ihr Schatten ist ein duftig Bad,
Und drinnen girrt die Turteltaube
Und Nelken glänzen an dem Pfad.
Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:
"Vergessen ist die Sündenschuld,
Was wollt ich beichten heute morgen,
Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.
Ach hätte ich nur eine Stunde,
Mir fielen wieder Sünden ein,
Aus welchem bösen Sündengrunde
Mag ich wohl so vergesslich sein."
Der Gärtner hat sich nicht verstecket,
Doch ist er nicht von ihr gesehen,
Die Reben haben ihn gedecket,
Er staunet still, wie sie so schön;
Es kniet sein Weib am Bänklein nieder
Und deckt das holde Angesicht
Und steht dann auf und saget wieder:
"Was ich gesündigt, weiss ich nicht."
Der Mann will eben zu ihr springen,
Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,
Vergebung für die Sünde bringen,
Die ihrem Herzen unbewusst,
Da hört er eine Harfe klingen,
Sieht eine Frau mit grünem Hut,
Die ihr will süsse Früchte bringen,
Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.
Sie küsst die Hand des schönen Weibes
Und rufet mit Verwundrung aus:
"Du bist gesegnet deines Leibes,
Und Segen kommt nun in dein Haus!"
Beschämt will es die Frau nicht glauben,
Und klagt, wie schwer zu Mute ihr,
Tirola spricht: "Eh' reif die Trauben,
Die jetzt so hart, dann glaubst du mir."
Ihr glaubt die Frau, und heil'ge Blicke
Wie Perlen sie umkränzen schön,
Tirola singt von ihrem Glücke
Zu ihrer Harfe Vollgetön;
Was sie gedrückt, war keine Sünde,
Es war die ungewohnte Lust,
Dass sie den Dank zu Gott verkünde,
Erhebt Gesang die freud'ge Brust.
In wessen Herz die Sünde schweiget,
Da klingt des Herren Lobgesang,
Das Dasein sich so freundlich zeiget,
Wenn neue Hoffnung es durchdrang;
Sie fleht, dass sie der Herr durchdringe
Mit seines Geistes Gegenwart,
Dass früh ihr Kind den Geist empfinge,
Wenn es noch bildsam, rein und zart.
Da kann der Gärtner sich nicht halten,
Er stimmt ins fromme Lied mit ein,
Und muss die hände betend falten:
"So muss sich eine Kirche weihn!"
Und er gelobt, an dieser Stelle,
Zum Angedenken dieser Gunst,
Will er erbauen die Kapelle
Mit hocherfahrner Bildner Kunst.
Es steht die Frau in Scham betroffen,
Woher er ihr Geheimnis weiss?
Er spricht: