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Zorn nicht mässigen, so unbegreiflich ist der Mensch sich selbst im Traume, ich ergriff das Messer, welches ich damals bei dem Schatze gefunden, und durchstach den Alten, und der Alte war ich selbst, ich hatte mich selbst erstochen. Da erwachte ich und konnte nicht wieder einschlafen, weil Meister Sixt vor dem haus malte und mir die letzte Ruhe nahm, so viel mein Gewissen mir noch übrig liess. Sieh nur, um diese meine innere Vorwürfe zu mehren, hast du den Tisch hieher unbewusst gesetzt, wo mir der Alte den Schatz zeigte." – Anna lachte über diesen Gram: "Der Traum bedeutet immer sein Gegenteil", sagte sie, "das wissen alle Traumbücher, und was der Mensch im Traume tut, möchte er wachend gern meiden; liebst du mich recht, so vergisst du alle die Einbildungen in einem Kusse von mir." – "Noch etwas geht mir im Kopf herum", fuhr Bertold fort, "der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht, um Anforderungen an mich zu machen. Er spricht von meinem Vetter, von dem Grafen von Hohenstock, dass er blödsinnig sei, dass mir das Schloss Hohenstock vielleicht bald zufallen könne dass grosse begebenheiten um uns her reiften, bei denen ich dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen könnte; ich sollte das Schloss als Fremder besuchen, wie es mir gefalle. Ich mochte mich nicht darauf einlassen, ich wollte es dir sogar verschweigen, aber der Traum, die Möglichkeit mein erworbenes Gut zu verlieren, machten mich aufmerksam auf das Ererbte. Gib deinen Rat, aber gelobe mir Verschwiegenheit." – Anna besann sich keinen Augenblick, sie sah sich dort im geist wie die kurfürstliche Braut zu Augsburg empfangen, sie dachte sich das Schloss im Verhältnis zu dem haus in Waiblingen in steigender Herrlichkeit, wie sich dies zu ihrem Häuschen in Augsburg verhalten; sie konnte sich der sehnsucht nach diesem alten, geheimnisvollen Stammschlosse nicht erwehren, sie versicherte Bertold, dass sie ihre Zunge nur beschwichtigen könne, in sofern ihr Bertold das Versprechen gebe, noch diesen Sommer das Schloss zu besuchen. – Bertold gab ihrem Willen nach und beschloss unter dem Vorwande, einen Wallfahrtsort, oder einen Sauerbrunnen besuchen zu wollen, den Weg dahin einzuschlagen. – Sie wurden in dem gespräche von Meister Sixt gestört, der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte, auch berichtete, dass er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet, die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafür einen Gulden in Submission einzufordern habe, er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu remunerieren, wenn das Werk seinen Meister lobe. Bertold folgte ihm mit Annen und war sehr erstaunt, ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des verblichenen heiligen Bildes zu sehen, und weil es ihm lieb war, so schien es ihm recht. – "Aber wie schön ist das Christuskind", rief Anna, einmal über das andre, "schenkte mir doch der Himmel solch ein kräftig freundliches Kind, in ihm ist Segen für die Welt und ihre reichste Zukunft." – Bertold aber zog Meister Sixt bei Seite und fragte leise: "Gleicht das Kind nicht Eurem Anton, wahrhaftig so muss er als Kind ausgesehen haben." – Anna wollte wissen, was er gesprochen habe, und Bertold antwortete gleichgültig: "Ich erinnerte den alten Herrn, dass er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat, der bei ihm in der Lehre steht." Anna musste ihm innerlich recht geben und wurde äusserlich so rot, dass sie sich abwenden musste, sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und hätte lieber das Bild gleich abreissen lassen.

Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Das tat dem ehrlichen Knaben gar weh, sonst war er seelenglücklich mit seiner Wahl, er wusste nicht genug anzurühmen, was er alles zum Dank unserm Bertold antun möchte, er wünschte, dass er in Not kommen möchte, um ihm die Treue seiner Freundschaft zu beweisen.

Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft über, und Anna lernte ihre Magd Verena, die sie zunächst bediente, näher kennen. Diese klagte bei ihr Jammer und Not über die Magd der Mutter Apollonia, ihre leibliche Schwester, welche Sabina sich nannte, dass diese Böses von ihr rede, und auch Frau Anna beschuldige, was sie kaum nachsagen möge, den jungen, schönen Maler Anton zu sich ins Fenster eingelassen zu haben, sie scheine das von ihrer Frau gehört zu haben. Sie habe ihr darauf den Mund verboten, denn wenn einer reden wollte, so wäre genug darüber zu sagen, warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten nachgehe, auch ihn küsse, es wisse jeder, dass sie einst mit einander so gut wie Eheleute gewesen, aber die Zeit sei vorüber. – Anna verbot dem Mädchen zu reden, das Mädchen aber kehrte sich wenig daran, sie war zu heftig ereifert, nur wandte sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester, die zu demselben eigentlich die Hefen eingerührt hatte, sie berichtete, wie diese immer von den Schüsseln beim Auftragen nehme, nur fleissig spinne, wenn die Frau es sähe, gern zu den Knechten in den Stall gehe, sich immer Wege in die Stadt mache, auch beim Einkaufen mehr an sich als an die herrschaft denke, dass sie nur fünf Hemden habe und darunter sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt, ihre Schürzen wären aber ganz unbedeutend. "Aber sag