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Worte im Vorzimmer. "Es ist der Ehrenhalt", sprach Anna, "er wird von mir Abschied nehmen wollen." – "Um Gottes willen verbergt mich", sprach Anton in grosser Verlegenheit, "der darf mich nicht sehen, er möchte mich wieder kennen, ich bin ihm entflohen, helft mir, ich bin verloren." Anna war so überrascht, dass sie nichts zu sagen wusste, sondern halb unbewusst Anton in ihre Kleiderkammer schob, sie fühlte ein unwiderstehliches Mitleiden gegen ihn, denn Bertold hatte ihr schon so mancherlei von der Gewalt verlauten lassen, mit der die Kronenwächter wirkten. Er trat mit Apollonien ins Zimmer und überbrachte der jungen Frau einen kleinen, vergoldeten Schrank, wie ein Münster ausgedreht und geschnitten, in welchem ein gar schönes Muttergottesbild stand. Das übergab er im Namen der Grafen von Hohenstock, riet ihr sorgsame Pflege, wenn sie der Himmel mit einem Kindlein segnete, und dass sie sich von den gewaltsamen Ereignissen der Zeit, die jetzt bald eintreffen müssten, in der Pflege und sorge nicht möchte stören lassen, endlich nahm er mit einer Herzlichkeit Abschied, wie keiner dem rauhen, alten mann zugetraut hätte. Anna, von dem seltsamen Vorfalle mit Anton zerstreut, hörte nur unaufmerksam dem Alten zu und blieb noch unbequemer in ihrem Gefühle, als die Mutter den Ehrenhalt nur bis zur tür begleitete und dann zu ihr umkehrte, um sie schnell anzukleiden, weil Bertold bei dem Brunnen mit einer Festlichkeit auf sie warte. Anna geriet in grosse Verlegenheit, weil die Festkleider in der kammer lagen, wo Anton sich versteckt hatte. "Was soll die Mutter denken, wenn ich ihn heraus führe", meinte sie, "oder soll ich mich hier ankleiden, wo er mich durch die Tür erblicken kann?" Aber die Mutter machte diesen Zweifeln schnell ein Ende, indem sie ungeduldig die tür öffnete, aus welcher ihr Anton mit der ruhigen Anfrage entgegentrat: "Also ist der Alte fort, Gott sei gedankt, ich dachte, er hätte mich am Kragen!" – Die Mutter staunte, Anna war verwirrt, was sie denken möchte, und Anton sprach wieder: "Nun will ich Euch das Hochzeitlied des guten Grünewald holen, es hätte Euch gewiss gejammert, wie er von seiner Liebe zu Euch die ganze Nacht geklagt hat." – Mit diesen Worten ging er zur stube hinaus und Apollonia brachte erst nur unvernehmliche Töne heraus, dann aber rief sie: "Wäre ich doch so ruhig entschlafen in dieser Nacht, wie Frau Hildegard, sie weiss nichts mehr von deiner Schande, sie hat dich zum Feste geschmückt, das den lieben Sohn ihr von der Seite nahm, die Einsamkeit hat sie nicht überlebt, und wie dankst du ihr, dass sie so ihr lang gewohntes Leben, den guten Sohn dir abtrat! Du verrätst ihn an einen Liebesboten, der wohl gar selbst dich verführte, hätte ich mein Messer, ich könnte dich mit kaltem Blute umbringen!" – "Liebe Mutter", unterbrach sie Anna, "übereile dich nicht; um eine Kleinigkeit, an der ich gar keine Schuld habe, mir zu fluchen!

Sieh das Malergerüst vor dem Fenster, sieh die umgefallene Leiter, die der Junge eben wieder aufrichtet, und frag ihn, wie er in das Fenster gefallen, da sieh noch die eine Scheibe, die er eingebrochen hat. Und wie er hier war, da versteckte er sich vor dem Ehrenhalt."- "Und solche freche Lügen kannst du gleich aus dem Stegreif ersinnen", rief die Mutter, "wie oft magst du mich in Augsburg betrogen haben, aber du sollst den guten, den lieben Bertold nicht anführen. Er ist jeder treuen Liebe wert, ich will ihn trösten, er soll dich vergessen, wenn er fühlt, dass doch eine Seele ganz und ewig an ihm hängt, und in so langen Jahren sich ihm ungeteilt bewahrt hat." – "Weh mir", rief Anna, "du sagst zu viel, liebe Mutter, und dein unnützes Schelten über eine Schuld, die mit dem leisesten Hauche den Spiegel meiner Seele nicht trübte, eröffnet mir eine schwarze Tiefe naher Besorgnisse, du liebst ihn du gestehst es dir und mir, du glaubst mich bei ihm in Vergessenheit zu bringen, nie duldet das mein Herz, und mit aller Glut, wie ich ihn liebe, so will ich alle Netze verbrennen, mit denen du ihn zu dir zu ziehen strebst."

Der Streit wäre noch weiter gegangen, aber im Augenblicke klopfte Anton an das zugeschlagene Fenster. Die Mutter öffnete und er reichte ihr ein Blatt und sprach: "Dies ist das Hochzeitlied aber verzeihet mir, dass es ein wenig vom Firnis zusammenklebt die Leiter hat beim Herunterfallen die Firniskruke zerschlagen und bittet für mich beim Meister, dass er mich nicht dafür auch zerschlägt, Ihr saht ja, dass ich nichts dafür konnte." – Der Vortrag geschah so natürlich und Anton sah ehrlich und offen in die Welt, dass die Mutter in ihrer Meinung irre wurde und sich endlich ganz von ihrem Irrtum überzeugte. "Der Morgen nach der Hochzeit", sagte sie endlich, "ist nie ganz ohne Ärgernis, darum machen auch Freunde dazu gern allerlei Spässe und Schauspiele, wir wollen auch dies dafür annehmen, als ob wir selbst mitgespielt hätten. Zieh dich schnell an! Wer lässt denn hier am haus malen, Bertold erzählte nichts davon." – "Frau Hildegard hat dies Gelübde getan