1817_Arnim_006_81.txt

Zwölftes Bild

Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem schloss, ehe irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen. Der grosse Zug der Waiblinger Pilger, welcher dem Königspaare nachgepilgert war, entdeckte die beiden Leichen beim Geschrei der beiden Vögel, und da jeder Versuch, sie zu beleben, vergeblich war, so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlösers zu, wo die Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten suchten, bis die feierliche Beisetzung angeordnet wäre. In der Hauptstadt war aber, ehe diese Trauerbotschaft einlief, eine allgemeine Verwirrung. Der Königssohn war verschwunden mit seinen zwölf Engeln, niemand erriet, wer ihn könne geraubt haben. Als aber die Kunde des Mordes anlangte, da erhob sich das Volk in Verwünschungen der Mörder, so dass der Graf von Glück zu sagen hatte, dass kein Verdacht auf ihn gefallen weil ihn viele kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten. Zur Beerdigung des Königspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wüsten Kirche, die Särge wurden geöffnet, der Graf, als Nachfolger, verfluchte da öffentlich die Mörder, sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen. In dem Augenblicke drangen die beiden königlichen Vögel, wie sie vom volk genannt wurden, aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm, ehe er sich ihrer erwehren konnte, beide Augen aus. Das Bild zeigt, wie die beiden Vögel auf ihn eindringen, im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen, an der Seite das Volk zu sehen, die alten Reime sagen:

"Mörder", ruft der ganze Haufen,

"Sieh, es ist erfüllt der Fluch;

Kannst du Licht der Augen kaufen

Von dem Himmel durch Betrug?"

Und der Graf irrt in der Kirche,

Ruft umsonst nach Freundeshand,

Dass ein andrer ihn erwürge,

Alle sind von ihm gewandt.

Blind, nach einem Ausgang suchend,

Stürzt die Stufen er hinab,

Und so stirbt er, sich verfluchend,

Sein Gebein bleibt ohne Grab.

Dreizehntes Bild

Nun begann ein bürgerlicher Krieg um den befleckten Tron. Jedes der Grafenhäuser machte Ansprüche auf den Tron, ohne es laut werden zu lassen, es äusserte sich aber darin, dass sie jeden stürzten, der die Absicht zeigte zu herrschen. So dauerte es wohl vierzehn Jahre, dass der königliche Palast von keinem aus Scheu der andern bezogen wurde, als die Hunnen, unter Attila bis Schwaben eindrangen. Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur herrschaft zu gelangen, aber er benutzte sie nur, um alle gegenseitig durch einander aufzureiben. So kam er unter dem Zujauchzen derer, die immer noch Lohn von ihm erwarteten, von ihren Leuten gezogen, in die Hauptstadt, in den Schlosshof. Eins seiner ersten Geschäfte war, den alten, ehrwürdigen Palast teils aus Neugierde und Habsucht, teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in Augenschein zu nehmen. Die Beute war gering, die Raubsucht hatte ihm wenig Kostbarkeiten gelassen, aber endlich fand er in einem Zimmer, das mit Epheu grün berankt war, weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich, einen starren, alten Mann, der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter, als den alten Sänger, den Vater der ermordeten Königin erkannte von dem niemand seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte, denn in der Bestürzung jener Zeit war niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen. Der Attila meinte, es sei ein alter Zauberer, der immer noch lebe, die andern dachten auch, er läge nur noch immer in der Verzückung, so wenig hatte der Tod ihm anhaben können. Nun wollte Attila wissen, was in der Schrift, die vor ihm lag, woran er zuletzt geschrieben, stehe und befahl einen der Eingebornen, weil er der Schrift unkundig, dies Blatt ihm vorzulesen. Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge: Wer lebendig blieb, schreit Sieg aus, doch die Toten

schweigen still,

Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleck

ten Tron

Und die Narrn, die ziehen den Karrn ihm, und er lacht

der Narren schon;

Denn er sinnt schon im Triumphzug, wo er die ver

brauchen will,

Die mit ihm zerstört den Weltteil, und beim Raub nun

möchten ruhn.

Seht, er treibt sie frisch zum Krieg fort, treibt sie

schlau zum Todesnetz,

Denn er erbt auch ihre Diebsbeut, erst ihr Tod ist ihm

der Sieg!

Dann erst feiert Friedens Heimkehr, wenn er einsam

kehrt zurück

Und von jedem tapfern Mordknecht trägt die Schuld

und das Geschick,

Dass an einem Haupt übt Strafrecht, Gott vom unge

rechten Krieg,

Dass bei einem Namen Eis läuft über uns in Lust ver

wirrt,

Dass in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft, die

sich verirrt.

Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte, glaubte er, sie seien ihm zum Trotze geschrieben und gelesen, und spaltete zuerst das Haupt des Geistlichen, der sie gelesen, wobei zum Schrecken aller, der Körper des Alten von der Erschütterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammenstürzte. Er und seine treue Geliebte waren längst der Erde entschwunden. Das Bild zeigt, wie Attila das Schwert zweifelnd erhebt, welchen von beiden er zuerst erschlagen möchte.

Vierzehntes Bild

Attila selbst fühlte sich durch dieses Ereignis erschüttert, auch seine Anhänger mochten ihm zweifelhaft scheinen, er wollte deswegen etwas Festes begründen, und wo er kein ererbtes Recht hatte, doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung begründen. Er liess öffentlich ausblasen, dass er im