wieder aus, dass sein Heldenspiel zwar immer schöner, aber nie fertig wurde. Die Mutter war zwar abwechselnd mit dem Neste beschäftigt, aber sie war doch die meiste Zeit um den Vater, der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit. Eines Tages ging sie aber gar nicht vom Nest, und die Tochter lauschte und nahm endlich wahr, dass die Mutter ein silbernes, mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den Federn des Nestes versteckte. So legte der silberne Vogel allmählich zwölf Eier, jeden Tag eins und setzte sich darauf, sie auszubrüten, und wechselte in dieser Arbeit mit dem goldnen Vogel ab, so dass der Alte während seiner ganzen Brütetest nicht in seinen ruhenden, menschlichen Körper, nicht zu seiner Arbeit kam, denn auch während sie brütete, war er emsig beschäftigt, zarte Blumensämereien für sie herbei zu tragen, welche kein Mensch finden kann, wie die klugen Vögel sie finden und sammeln können. Aber auch die Königin rückte während der Brütezeit ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor, dass sie eines Morgens von einem herrlichen Knaben entbunden wurde. Und kaum war er in die Welt getreten, so entflogen zwölf schöne, kleine, geflügelte Kinder, in der Grösse von Kanarienvögeln, mit goldnen und silbernen Flügeln versehen, also ganz so wie Engel geschildert werden, aus dem Neste der silbernen Mutter, sangen den Neugeboren an, liebkosten ihm, spielten mit ihm und reinigten, wickelten ihn mit zärtlicher sorge, und wehrten ihm die Fliegen und Mücken ab. Sie selbst waren zwar klein, aber doch fertig in allen ihren Kräften in die Welt geflogen und kannten die menschliche Bedürftigkeit nur, indem sie diese andern erleichterten. Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette; die Königin, erschöpft von der Mühe, drückt sie dem Könige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem kind, das im Vorgrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird.
Eilftes Bild
Als die Königin das Kind von ihrer Brust entwöhnt hatte, da sagte ihr der König, dass er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe. Sie sei nun glücklich befreit und er wolle seinem Gelübde treu, von ihr Abschied nehmen. Aber die Königin erklärte, er dürfe nicht allein gehen, sie müsse mitziehen; sie liess sich durch keinen Grund zurückweisen, wie Weiber sind; unter andern ersann sie, dass sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Käfig mit sich nehmen wolle, damit der Vater die Zeit nicht benutze, sein Heldenspiel fertig zu schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen. Die zwölf geflügelten Boten versprachen für den kleinen Königssohn in ihrer Abwesenheit sorge zu tragen, wie sie es ohne Beihülfe andrer täglich zu tun gewohnt waren, und sich nicht abschrecken liessen, wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen einen ergriff, drückte oder rupfte. Sie standen in solchem Falle einander so treulich bei, dass sie bald des Kindes Meister wurden, und das Kind folgte ihnen in allem, worin es sie verstehen konnte. In dieser Obhut liessen sie nach unzähligen Küssen das geliebte Kind und begaben sich heimlich, um jedes Gefolge von Leuten zu vermeiden, das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien, aus der Stadt, ohne zu ahnden, dass sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen hätten. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das Gerücht derselben und grosse Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. – Es hatte sich aber, seit der König selbständig und gerecht die Regierung übernommen hatte, viel Glück über alle verbreitet, nur die Grafen wollten das nicht erkennen, weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr beschränkt fanden. Jener Graf des Nibelgaus, welcher sich die meiste Schuld dieser neuen Wendung der Dinge beimass, weil er sie seiner Feigheit zuschrieb, teils von Liebe zu der Königin gequält, nun auch von Ärger über die Geburt des Prinzen erfüllt, weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte, fand sich vom geist der Versuchung gereizt, durch den Mord des Königs sein Schicksal ändern zu wollen. Diese Wallfahrt, die einer seiner Diener auskundschaftete, bot ihm die gelegenheit zur unbemerkten Ausführung. Die Vormundschaft über das königliche Kind konnte ihm nach dem tod des Königs nicht streitig gemacht werden, wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden; die Königin hoffte er durch sein Liebesglück und durch sein Ansehen sich dann zuzueignen. Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren, hatte sich aber, ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der gebahnten Strasse der Wallfahrer. Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt, mancher Kuss hemmte die Reise, sie sahen nicht um sich, sondern vergassen sogar oft das angelobte Gebet. Umsonst warnten sie die beiden Vögel im Käfig, der Wurfspiess des Grafen hatte beide durchbohrt und den Käfig der Vögel durchbrochen, ehe sie eine der Warnungen vernommen hatten; ohne Schrekken, ohne Ahndung, noch freundlich lächelnd, hatte der Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten. Aber der Graf sah mit Verzweifelung zu ihnen hin, denn nicht die Königin sollte sein Spiess treffen, aber ein zärtlicher Kuss hatte sie an den König gedrückt, als schon das Wurfspiess seiner Hand entschleudert war. Erst jetzt fühlte der Graf, dass mehr seine Liebe zu der Königin als der Wunsch nach der herrschaft ihn getrieben, er hasste sich und sein Unglück, das er sich selbst geschaffen hatte. Den Mord stellt das Bild dar.