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hin, seht nur, die Sonne verliert ihren Glanz, dass jeder sie anschauen kann, wie ein verweintes Auge. Der schwarze Star deckt sie immer mehr, die wird nicht wieder scheinen, seht wie die Vögel in den Tannen sich verstecken, auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen, die Schatten der Bäume verschwinden vom Schneegrund, denn ein Schatten deckt alles, ich stehe vor der Sonne, dass sie nicht scheinen mag. Die Bürger laufen umher und wissen nicht, woher ihnen die Strafe kommt. Hört ihr's da unten, das brachte ich euch!" – "Schweig Martin", unterbrach ihn Bertold, "ich muss dir sonst den Mund zuhalten, mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Bürger läuten der Sonne die Sterbeglokke, jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen, die am Tage da oben stehen geblieben, aber wartet geduldig, um einen Menschen geht die Welt nicht unter. Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer Sonnenfinsternis, die so dunkel gewesen, dass die Arbeiter der grossen Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen, einander tot drängten und nachher war alle Not verschwunden, nur die nicht, die sie selbst in der Angst geschaffen hatten." – "Ihr habt recht", sagte Hildegard, "mir ist, als ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf, als wäre ihr Licht tausendfach schöner als je; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm ziehen." – "Die Bürger lachen ihrer Furcht", fuhr Bertold fort, "schämst du dich nicht Martin?" "Wär's mit der Scham abgetan und mit der Furcht", sprach Martin in sich, "ich wollte mich fürchten und meiner Furcht mich schämen und den Spott der Kinder tragen; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis, was ich gesehen; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her, sie können mich nicht schützen!"

Dritte geschichte

Der Palast des Barbarossa

Die Ehe des Turmwächters Martin blieb ohne Segen eigner Kinder, um so höher ehrten die beiden Eheleute den kleinen Bertold und Frau Hildegard hatte eigentlich keinen Augenblick, wo sie ihn vergass. Selbst im Schlafe reichte sie ihm noch die Hand, dass er damit spielen und sie erwecken könnte, wenn er einmal früher aufwachen sollte. Die Elster war aber des Kleinen Gespielin, die ihm nie etwas zu leide tat, aber durch ihr Geschrei warnte, wo das Kind sich einer Gefahr aussetzte. Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den Anblick des Knaben erhellt, schnitzte ihm Stöcke und Degen, so bunt der Kleine sie verlangte, und Bertold war eifrig beschäftigt, dass der Kleine früher als andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte. "Das wird ein Gelehrter", sagte er mit Zuversicht und Martin lächelte, aber Bertold liess sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte. Schon im siebenten Jahre schrieb der Kleine eine feste Hand, rechnete schon notdürftig und wäre in der Schule als ein Wunderkind aufgetreten, wenn er sie hätte besuchen dürfen. Aber Bertold setzte seinen Schreiberstolz darin, ihn allein weiter zu bringen, als die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Züchtigungen bei den Stadtkindern vermochten, und Frau Hildegard war es sehr zufrieden, weil er sonst Unarten und Ungeziefer mit annehmen könnte. Nur Martin schüttelte mit dem kopf und sagte, es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren, doch sah er ihn zu gern um sich, als dass er ihn mit Ernst entfernt hätte. Schon im zehnten Jahre wusste ihn Bertold mit schriftlichen Aufsätzen aller Art zu beschäftigen, indem er ihm einbildete, die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen. Der Kleine arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein, dass Bertold schon im zwölften Jahre des Knaben ihn dem Bürgermeister zuführen konnte. Dem Bürgermeister gefiel seine gute Bildung, sein freundliches Auge, noch mehr seine Handschrift, in der er selbst dem alten Bertold überlegen war, so künstlich dieser die Anfänge der Kaufbriefe verzieren mochte. Der Bürgermeister strich ihm die langen gescheitelten, blonden Haare und versprach, ihn mit einem kleinen Gehalt zur hülfe des alten Bertolds anzustellen. Der junge Bertold dankte, dass er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen, und Bertold klärte mit Selbstzufriedenheit seine List auf, wie er dem Knaben durch eine eingebildete Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe. Dem Bürgermeister machte der Einfall viel Spass, er erzählte ihn seiner Tochter Apollonia, die eben eintrat, ungefähr ein Jahr jünger als der junge Bertold, und seit dem tod der Mutter des Vaters Augapfel, während der junge Bertold von tiefer Scham über seine Täuschung immer heisser erglühte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Tränen nicht erwehren konnte. Der alte Bertold entschuldigte ihn mit einer ihm angebornen Blödigkeit und der Bürgermeister versprach ihm ein Kleid, wenn er etwas Altes ablegte, wo dann Jungfrau Apollonia an das grüne Tuch, welches vom Ratstische abgenommen war, erinnerte, das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden hätte. Der Bürgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben, dem es zwischen den Arm von Apollonien geschoben wurde, die er dabei seitwärts durch die Tränen ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte.

Als der Vater den Knaben in die Ratsstube führte, ihm seinen Platz anwies und wie er die Schriften ordnen sollte, da musste der Knabe wieder weinen. Als der Vater nach der Ursache fragte