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, sei ihnen als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfüllt. Bei diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor, in welchem die beiden Vögel, in der Gestalt wie Spechte, der eine golden, der andre silbern, eingesperrt sassen. Mit Gnade sagte der König den Freunden willkommen, aber nicht ohne Widerwillen fühlte er in sich die alte, böse Jagdlust beim Anblicke der Vögel wieder erwachen. Er kämpfte mit sich, endlich reifte sein Entschluss, er liess den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen, dass er durch das Fenster ins freie Blau der Luft entflöge; er wollte auch den silbernen entfliegen lassen, aber da überwand ihn seine Jagdlust, dass er die Gittertüre wieder schloss. Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit, er flog zwar fort, aber blieb auf dem mund des halbtoten Sängers sitzen, dieser öffnete den Mund, der Vogel schlüpfte hinein und der Alte öffnete die Augen wie ein gesund Erwachter. Der Saal war ihm fremd, er fragte, wo er sei, fragte die Tochter, wer sie sei. Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse, auch der König erschien ihm bekannt, und als ihn dieser an die Lehre erinnerte, die er von ihm in der Rosenhütte empfangen, da rieb sich der Alte die Stirn und meinte, dass ihm von dem allem auch geträumt habe, dass er auch seine zwölf Söhne wieder gesehen, die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben hätten. Dann sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte, selige Frau begegnet, die habe ihn so ernstlich an den Himmel gemahnt und dass er der irdischen Spiele vergessen solle, darüber hätten sie sich so im gespräche vertieft, dass sie beide gefangen worden. Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte Seele seiner Frau, er beschwor sie, ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken, bis er sein tiefsinniges Spiel beendet habe, und der Vogel schien mit sanftem Tone ihm darin nachzugeben. Das Bild stellt euch dar, wie der Vogel in den Mund des Alten schlüpft.

Neuntes Bild

Kaum gestattete sich der Alte die Zeit, alles zu vernehmen, was seiner Tochter geschehen, die Frau mahnte ihn zur Arbeit, sie war ehrfurchtsvoll dem Käfig entlassen und sass auf seiner Schulter, auf seinem Tintenfasse, auf seiner Feder, dass er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse. Umsonst führte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer, umsonst zeigte sie ihm den reichen Garten, der Alte schrieb gehend, stehend, sitzend, so wie sich seine Gedanken klar machten und verdrängten. Die Tochter wusste aber die Gefahr, dass er sich ihrer Liebe und der Welt entzöge, wenn er seine Arbeit beendigt habe, und da diese rasch fortrückte, so ersann sie einen Kunstgriff:

Unermüdet schreibt der Alte,

Schaut begeistert in die Welt,

Sieht nicht, wie die Tochter walte,

Nur sein Werk ihm wohlgefällt.

Wenn er nun ein Blatt geschrieben,

Wirft's die Tochter heimlich fort,

Dass es in den Strom getrieben

Und erloschen jedes Wort.

So der Alte unermüdlich,

Ohne zürnen, ohne Groll,

Schreibt von neuem still und friedlich,

Doch sein Werk wird nimmer voll.

Als nun die Sonne an die Erde gestossen und in tausend Sterne zersprungen war, da sank der Alte ermüdet auf seinen Schreibstuhl, sein Mund öffnete sich, der goldne Vogel entfloh singend dem mund, und flog in den Jasminenbusch, wo der silberne Vogel sein harrte, wo dann grosse Freude zwischen ihnen war, und tausend Bitten der Mutter kund wurden, die Arbeit bald zu enden. Aber auch der König dachte bei der Lust der guten Vögel, dass er seine Vermählung, seinen Einzug in die Hauptstadt beschleunigen müsse und ordnete alles zum andern Tage. – Er begann den Zug auf einem schwarzen Rosse, ihm folgten die Grafen, dann folgte die Königin auf weissem, sicheren Rösslein, umgeben von den Gräfinnen, den Zug schlossen die Meistersänger, welche zu Pferde den Wagen umgaben, in welchem der Alte sass und schrieb, das Vöglein auf seiner linken Hand tragend. Das Volk strömte mit jubel entgegen, küsste den Ankommenden die Steigbügel jeder atmete wieder frei auf; so ging der Zug zur Katedrale auf der Anhöhe, wo wir hier noch jetzt den vielen Bauschutt auf dem Weinberge finden, dort wurde die schöne Braut durch die Hand des Priesters dem Könige feierlich vermählt. Dies zeigt das Bild.

Zehntes Bild

Als der König und die Königin am andern Morgen nach der Hochzeit aus süssem Schlaf erwachten, waren sie verwundert den Alten noch nicht erwacht auf seinem Ruhebette, noch nicht beim Schreiben zu sehen, vielmehr bemerkten sie die beiden Vögel in grosser Tätigkeit auf einem hohen Rosenstocke, der in goldnem Gefässe die Hochzeitkammer schmückte. Die beiden Vögel hatten sich in den Ästen ein Nest geflochten aus seidnen und leinenen Fäden und dasselbe mit goldnen und silbernen Federn gefüttert, die sie einander spielend ausgezogen hatten. Sie liessen sich nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermählten stören, sie grüssten sie und sangen zu ihnen Glückwünschungen und nahmen süssen Mohn vom mund der Tochter. Dies war der einzige Tag, dass der Alte versäumte in seinen Leib zurück zu kehren, auch war am andern Morgen die seltsame Änderung vorgegangen, dass die silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und dass der Alte sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte. Dennoch schrieb er immer noch viel und die Tochter löschte an jedem Abende alles