als ob die Überzeugung des Guten nicht diese heftige Flamme in ihm entzünden könne. Bertold hatte eben die Arbeiter verlassen, es war am dritten Tage, da kam ein Geschrei, der Brunnen sei eingestürzt, die Arbeiter verschüttet. In Verzweiflung eilte er hin, er sah den Brunnen durch die von zwei Seiten eingestürzten Wände halb gefüllt, der Gram seines Herzens nannte ihn einen Mörder, er sprang hinunter, er rief jedermann zu hülfe, alles arbeitete in stummer Verzweifelung. Endlich gelang es, den armen Verschütteten Luft zu schaffen, sie konnten sich schon zum teil selbst helfen; die leblos schienen, wurden wieder zu Atem gebracht, nur einem war der Arm zerschmettert. Bertold sorgte reichlich für alle, den Unfall suchte er den Frauen zu verheimlichen, doch glaubte er sich gezwungen, den Bau so lange auszusetzen, bis er sich erfahrne Arbeiter verschafft hätte.
Da brachte ihm Fingerling am nächsten Tage Botschaft, ein fremder, seltsam gekleideter Mann, fast wie ein Schornsteinfeger, der eine Lederschürze hinten, schwarz leinene Jacke und grüne Mütze trage, reite sein hohes Ritterpferd in den Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luter. – "Glück auf", sagte der Fremdling, übergab seinen Brief mit einem freundlichen Händedruck. Bertold durchlas den Brief, worin ihm Luter berichtete, dass er den ersten Tag wohl acht Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurückgelegt habe, am Abend aber so steif und müde angekommen sei, dass ihn die Leute hätten herunter heben müssen Ein ehrlicher Bergknappe habe es übernommen, das Pferd zurück zu bringen. Noch wünschte er ihm viel Segen zu der Ehe, auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein Lied vom Ehestande vorsingen, denn der wisse aus den Tiefen, wie der Gesang in die Tiefen des Herzens dringt. – Aber unserm Bertold klang ein andrer Gesang in den Ohren bei den Worten, dies sei ein Bergmann, er sah ihn an wie einen höhern Boten, er drückte ihm die Hand wie einem Bruder, er zog ihn mit sich fort, zum Brunnen hin, zeigte ihm mit Leidwesen, wie die Tiefe zugestürzt sei, er müsse ihm Rat geben, um gefahrlos in die Erde zu dringen. Der Bergmann lachte und sagte in seiner fremden Mundart, er wäre ein so hochgelehrter Herr, der lesen und schreiben könne, er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben. Bertold stutzte und sah ihn verwundert an, dann beteuerte er ihm, dass keiner einen Rat wisse, in die Tiefe zu kommen, so wenig es ihm gelungen in die Wolken zu fliegen. – Der Bergmann spottete ihn aus, beschrieb ihm, wie ein Schacht nicht anders sei, wie eine Brunnenöffnung, bei der es aber auf Erz ankomme, wie dieser oft auf mehrere hundert Fuss Tiefe durch wasser und Felsen eingetrieben werde, wie das wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere, wo sonst gar mühsam durch Feuersbrand die Härte gelöst werden musste. Dann bestellte er sich Holz und Zimmerleute; Bertold versprach ihm reichen Lohn.
Die Bürger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet, jetzt konnten sie gar nicht begreifen, was er vorhabe. Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den fremden Bergmann verstehen, denn zwischen den ungebildeten Menschen, die verschiedne Mundart reden, ist das Verständnis schwerer, als mit denen, die schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu übersetzen gewöhnt sind. So musste Bertold als Dolmetscher zwischentreten, um den Leuten deutlich zu machen, was sie hauen, sägen, bohren, hobeln, nageln und schmieden sollten, obgleich er selbst eigentlich nicht verstand, was aus der Sache werden solle, auch dazwischen von mancher Besorgung für das Haus und die Braut abberufen wurde. Es war diese Zeit des Glücks gefährlich für ihn, der so lange durch seine Erziehung und seine Schwächlichkeit von der Welt in eignen Wünschen und Leidenschaften abgehalten worden, er hatte sie nur immer durch das gleichgültige Nebelmeer der öffentlichen Geschäfte, der eignen Bedürftigkeit und des Erwerbs angeschaut. Nun fühlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch, der manches vermöge, von zweien Frauen geliebt, von vielen Menschen umdrängt, die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem haus suchten. Es kamen Ritter aus der Gegend unter manchem Vorwand, versicherten ihm ihre Freundschaft, es tat ihm wohl von Turnieren mitzureden, den gewonnenen Becher zu zeigen; dann erregten sie seine Eifersucht, wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren, auch seinen Zorn, wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen. Er lernte aus ihren Erzählungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der glänzenden Seite kennen und fühlte sich da mehr zu haus, als bei sich selbst, wo ihm die Schreibstube, das Einkaufen der Wolle, das Dingen und Zahlen, wenn es gleich Fingerling gern besorgte, unleidlich fiel, so bald einer jener ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte. Über seine früheren Jahre suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten, der Rosengarten und das ritterliche Puppenspiel ward eingepackt, er glaubte sich selbst zum fertigen Ritter bilden zu können, weil er sich gesund fühlte. Meister Sixt wurde jetzt von Frau Hildegard ins Haus gerufen, um die Bildnisse von allen zu ewigem Gedächtnis der schönen Zeit zu malen. Bertold schenkte ihm eine bedeutende Geldsumme für Anton, damit dieser ihm nie, so wenig während der Arbeit, wie nachher, ins Haus komme, weil er behauptete, Frau Hildegard könne ihn nicht wohl leiden. Er bemühte sich gar, den Anton nach