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und sagte: "Lieber Herr, entschlagt Euch solchen Gedanken, das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt." – "Das macht ihm wenig Ehre", sagte Bertold, "da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches Bessere zeigen in meinen Zimmern." – Stutzer wurde innerlich so böse über den stolzen Kleinstädter, führte ihn aber doch ins Haus, dessen weiter Flur von Marmorsäulen mit korintischem Hauptschmuck glänzte; Faunen und Silenen trugen die Treppe, welche mit einer Weinlaube überzogen war, an der durch die Wärme hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon blühte. – "Prächtig", sagte Bertold, "aber ich wundre mich, wie Ihr hier bestehen könnt." – "Warum?" fragte Stutzer. – "Einmal", meinte Bertold, "könnt Ihr keine ehrliche, deutsche Frau hier einführen, es ist ja eben so gut, als ob Ihr sie in das öffentliche Männerbad gebracht hättet, und dann, wie gefallt Ihr Euch als Herr im haus, da Ihr doch nur winzig und dürr seid, wenn so wohlgenährtes Göttervolk, wie Hunde auf der Treppe vor Eurer tür harren muss. Ich ginge in Eurer Stelle unter die türkischen Enten und welschen Hähne, die in Eurem Garten so gemächlich wandeln und picken, statt Euch so übermässig vornehm bedienen zu lassen." – Der eitle, kleine Kerl wusste nichts zu antworten, denn so war ihm noch keiner gekommen, aber die Rede hatte die gute Folge, dass er die beiden nicht länger zwang, seine Pracht zu beschauen; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine Züchtigung verdient.

Als sie zum kleinen haus der Frau Zähringer kamen, waren beide etwas ermüdet, besonders Bertold, und Anna fürchtete, weil es schon spät, den Zorn der Mutter wegen ihres Ausbleibens. In solchen Betrachtungen setzten sie sich ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem haus, die Sonne schien betäubend warm, die Blumen dufteten mit ihren betäubenden Kräften und beide nickten neben einander ein; der Geist möchte immer Wunder tun, immer tätig sein, aber der Körper hasst die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen Geschlechte aus, indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt.

Was Frau Zähringer an diesem Tage ausstand, nun auch die Tochter ausblieb und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete, ist schwer zu sagen, insbesondere als Boten des Kaisers, Treitssauerweins, des Kurfürsten Friedrich kamen und nach Bertold fragten, als ob sie ihrer recht spotten wollten. Endlich kam der Abend, der sie den Geschäften entliess, aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres Hauses versenkte, bis auch diesen der Schlaf ablöste.

Die Sterne glänzten schon scharf auf dem blauen grund, als Anna erwachte und durch ihre Bewegung den glücklichen Träumer Bertold mit erweckte. Kaum konnten sie es begreifen, dass es natürlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht geworden sei; sie machten sich bittre Vorwürfe wegen der Mutter und dachten nach, wie sie dem ausweichen könnten, auch scheute sich Anna vor bösem Ruf, wenn eines der Nachbarn sie mit Bertold im Grase liegen gesehen. Nach vergeblichem Beraten entschlossen sich beide, jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun, als ob nicht geschlafen und nichts versäumt sei; der Morgen werde ihnen der Unruhe ohnehin genug bringen. Anna öffnete die Haustür mit einem Kunststücke: "Das lernte ich, wenn ich für unsre Kuh auf Grasung spät ausblieb", sagte sie; dann drückte sie Bertold sanft an sich und drückte ihn von sich, als seine Zärtlichkeit sie zu verraten schien, und ging in das Zimmer der Mutter, wo sie angekleidet in das grosse Bett schlüpfte, das sie seit dem Davonlaufen des Vaters mit ihr teilte. Die Mutter erwachte nicht, dies erlauschte Bertold, dann ging er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube. Ihm war so heiss, er riss das Fenster auf, öffnete den Wams und fand eine Rose, die ihm Anna unbemerkt hinein geschoben hatte, er konnte das stille Lager im grünen Grasgarten erkennen, das Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt, die Worte hüpften ihm im mund und er sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen, die ihm im Herzen aufgegangen waren:

Ein Stern der Lieb im Himmelslauf

Die offne Brust sanft atmend kühlt,

Der Frühling heiss im Herzen spielt,

Da blüht die erste Rose auf;

Du bist der Stern, dir unbewusst,

Dein Atem kühlet meine Brust,

Du bist der Frühling, der mich wärmt,

Der in des Herzens Blumen schwärmt,

So kühlst du aussen, wärmst da innen,

Die Glut verschliesst dein keusch Besinnen.

Gern tat sich Lust in Bitten kund,

So lebenswarm wie Herzensblut,

Da schloss die Rose mir den Mund

Und tut mir duftend hier so gut,

Ich schwimme in dem Liebesduft

Unendlich scheint das Blau der Luft;

Die Augen füllt ein süsser Drang,

O Liebestau, in Tränen Dank,

Dass keusche Sterne dürfen scheinen,

Und nur zerdrücktes Gras beweinen.

Sechste geschichte

Der Mahlschatz

Frau Zähringer erwachte, als die liebe Anna eben eingeschlafen war; sie sah die Tochter neben sich, als sie eben über ihre Abwesenheit nachdenken wollte, und die begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums. Sie stand auf und schlich nach dem Zimmer Bertolds herauf, blickte durch das Schlüsselloch und sah, dass er auch ruhig in seinem Bette liege. Da schien es ihr Gewissheit, dass sie sich nur mit einem bösen Traume geplagt habe. Sie ging herunter und