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Der Kaiser fuhr nun fort: "Aber Bertold, wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte, seid Ihr in der Gewalt eines Beichtvaters, oder seid Ihr darüber hinaus?" – "Die Geistlichkeit", antwortete Bertold, "hat überall zu viel Ärgernis gegeben, als dass die Leute sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben; was gut tut zu sagen, das wird bei uns gebeichtet, vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen auch mehr um das Beichtgeld, als um die Geheimnisse zu tun." – "Das Geld", sagte der Kaiser, "ist das Blut des staates und wie der edle Held Perzifal so tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee, so wird mir oft beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich, wie viel Kunst, Taten, Glück und Weisheit durch solch ein Stücklein gefördert und gelähmt werden können! Wohin hätten wir unsre Fähnlein geführt, wenn es nicht an Gelde gefehlt hätte! Darum lasse ich auch nicht den Luter verderben, der das deutsche Geld von Rom abschneiden will, und danke Euch, dass Ihr ihm förderlich gewesen seid, von hier fortzukommen. Doch seht, wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben, also kürzlich gesagt, mein lieber Bürgermeister, es ist mir sowohl um meine Feinde, die Hohenstaufen zu tun, als auch um meinen Freund, den Knaben, der jetzt schon ein wackrer Jüngling sein mag, ich meine jenen, der mir das Leben rettete, ich möchte ihm lohnen; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen, ich werde Euch danken." Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das Gespräch; der Kaiser, Bertold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen zur grossen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche; die Bauern meinten, ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden, seit Göggingen stehe.

Während der Messandacht wurde Bertold gestört, indem ein neben ihm Knieender, auf den er noch nicht geblickt, ihm in den Finger biss. Ärgerlich sah er hin und staunte, es war eine Jungfrau, es war Anna, gleich war sein Zorn verschwunden und er fragte heimlich, was sie hergeführt. Sie sagte ihm, dass sie ihm Notwendiges zu erzählen habe. Zum Glück beteten und seufzten die Bauern umher so laut, dass sie ihm leise flüsternd alles erzählen konnte, wie es ergangen. Die Mutter hatte am Morgen das Pferd, den Herrn und auch Fingerling in grosser Verwunderung vermisst, da weder Fingerling, noch Bertold ihr Vorhaben deutlich gemacht hatten. Da Bertold sie so unerwartet auf dem Ballhause verlassen hatte, so schwankte sie zwischen der Vermutung, Bertold reue seine Verlobung, oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten, vielleicht durch den Kaiser selbst, dem noch ein Ruf von Zärtlichkeit, trotz seinem Alter, nachzog. Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden, ein höherer Auftrag habe ihn entfernt und er könne sie nicht heimführen. In diesem Zweifel wendete sich erst ihre Härte gegen Anna, die gar nicht begreifen konnte, was ihr fehlte, sie erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler, der mit einem Braten als Geschenk sich eingestellt hatte, dem sie sich heimlich vertraute, und der Annen sagte, er reite fort, um in Waiblingen Nachfrage zu halten, ob Bertold etwa auch, wie Fingerling dahin zurückgekehrt sei, doch müsse die Mutter und sie sich gleich entschliessen, inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn vorzustehen. Dort hatte Anna durch einen Kunden zufällig gehört, er sei mit dem Kaiser auf der Strasse nach Göggingen im gespräche gesehen worden, sie hatte sich unter einem Vorwande fortgeschlichen, mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit zu hören, denn sie konnte nicht leugnen, dass seine Kette, die sie am Morgen gefunden, ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wäre. Bertold beruhigte sie, aber ihre Tränen flossen nun um so häufiger, da sie ihrer sorge befreit war, und die ehrlichen Bauern meinten, es sei Andacht und Busse. Kaum war die Messe geendet, so schlich sich Bertold mit Annen fort, so schnell, dass weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten. Aber noch einen Aufentalt mussten sie überstehen, der Weg führte sie an Stutzers Gartenhause vorbei, der eben beschäftigt war, Pfeffersäcke in ein Vorrataus packen zu lassen, und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Körner auflas, aber die Vorübergehenden nicht weniger fest hielt, ihnen die Pracht seines Landhauses zu zeigen. Dem kleinstädtischen Bürgermeister glaubte er die Augen damit auszuleuchten und Annen für immer unglücklich zu machen, wenn sie nicht ein Gleiches bei Bertold fände. Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz neuer Art erbaut, die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor, alte Götterbilder bedeckten die Flächen im bunten Gemisch mit Heiligen. Bertold erklärte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein, um fehlende Bauwerke zu ersetzen. "Die Schönheit eines Baus", sagte er, "liegt wie die Schönheit des menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhältnisse, sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit; die Dauerhaftigkeit und Bequemlichkeit der inneren Einrichtung mag sich auch gern äusserlich kennbar machen; die innere Wölbung, die Balkenlage will sich auch äusserlich zeigen. Hier ist alles das gemalt, von einer Seite erscheint es herrlich, von der andern wird die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gäbe wenigstens keinen Arger." Der gute Stutzer hörte nicht auf die Rede, er sah nur verdriesslich höhnisch ihn an