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Frau Zähringer zeugen, dass sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis geführt wurde. Nun erfuhr man erst, was es heisse, zierlich zu tanzen, nie hatte ein Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet, was der Kaiser beim ersten blick aufgefasst hatte. Die trabenden, tropfenden Männer standen rings, wie verzuckt, denn die lebendigste, mannigfaltigste aller Künste, der Mittelpunkt aller, die lebendige Malerei, Bildnerei, in der nach dem Sinne der Freude und leidenschaft wechselnde Musikbewegung sich gestaltet, die hochherrliche Tanzkunst war ihnen in dieser freudigen Nacht aufgegangen, keinem aber so schön, wie unserm Bertold, denn seine Anna übertraf alle in der Sicherheit schöner Bewegung! So schön und kräftig war keine gewachsen, das zeigte sich erst hier durch die Anmut ihrer Bewegung, wie die Schönheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung. Kaum wagte er mehr aufzublikken, so viel Lob erhielt sie überall, er betete in sich, dass sie keinen dieser Verehrer liebenswürdiger als ihn finden möchte, zugleich beseufzte er die vielen Jahre, die er unter den Büchern, ohne Anschauung aller lebenden Herrlichkeit hatte zubringen müssen. Dem Blute Antons dankte er diese Verwandlung, er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern daran denken, es war ihm, als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut gewinne, das er niemand gönnte. Sonst war er nicht eifersüchtig, vielmehr freute er sich über den Ratmann Stutzer, der gegen die schöne Alma so viele artige Dienerlein machte, dass es wie ein Kinderspiel aussah. Dieser Stutzer war ein seltsamer Gesell, er stellte sich viel schlimmer an, als er war und hätte gern aller Welt Liebeshändel einzubilden gewünscht, die er weder haben mochte, noch hätte bestreiten können. Er sprach bald Frau Zähringer ins Ohr, bald Anna, und dann sprach er wieder halb laut vor sich, wenn er von ihnen fern, und verwünschte das Mädchen, es habe ihm ein liebes angetan, und es könne doch nichts daraus werden, da er schon zu viel Liebschaften habe. Darum machte er Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht, als ob er in ein Essigfass gerochen, und schwänzelte dann wieder freundlich zu ihr, weil eben ein andrer mit ihr sprechen wollte.

Dem allen sah Bertold mit einem Gefühle der vollkommensten Sicherheit zu und ging unbekümmert in einem gespräche mit Kunz, der sich durch Treitssauerwein mit ihm hatte bekannt machen lassen, durch die Nebenzimmer umher. Er war verwundert über den seltsamen Mann, der neben seinen Possen den tiefsten Ernst in sich zu beherbergen vermochte. Unter den gelehrten Gesprächen über die griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis unter den Haufen geführt, der vor dem haus unter manchem rohen Gespäss dem Feste zuzusehen strebte, aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und Trabanten zurück geworfen wurde. Verwundert fragte endlich Bertold: Wohin er ihn führe und ob er ihn auch anführen wolle. – "Nein", sagte Kunz, "aber ich habe mit Euch etwas vor, es ist mit Treitssauerwein verabredet, ich konnte es besser ausführen, weil niemand hinter meinen seltsamen Gängen und Sprüngen etwas Ernstaftes sucht. Die stimme unsres volkes, die stimme Gottes, Luter ist hier, der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit, nicht mit Drohungen dahin bringen, seine Sätze zurück zu nehmen, er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt vernichten; ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen, hat er Befehl und bei dem vielen armen und fremden Gesindel könnte ihm dies wohl gelingen. Luter muss fort, aber so unbemerkt, dass es morgen noch niemand weiss, dass keiner den Kaiser als Mitgehülfen seiner Flucht denken kann. Niemand wird Euch diese Kühnheit zutrauen, Euch habe ich ausersehen, diese schnelle Flocht möglich zu machen, da Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt. Entscheidet Euch schnell, ob Ihr wollt, denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luter, wartet auf Euch; sei Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen, dass der Himmel Euch zu etwas Grossem ermutigen wollte." – Bertold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und antwortete: "Es sei, habe mich gleich an dem kühnen Mönch erfreut, obgleich nicht viel bei der Sache herauskommen wird, es wäre doch schade, wenn er in welsche Schlingen, wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den Füssen anzündeten." – "Warum nicht viel heraus kommen?" fragte Kunz verwundert. – "Einmal", antwortete Bertold, "weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge, welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann, weil es kein grösseres Übel ist, Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben, unter dem Namen Ablass, wie für Verletzung bürgerlicher Pflichten. Was hilft's den Ablass abzuschaffen, wenn die Fürsten und Städte zum Besten der Reichen, alle Strafen mit Geld abkaufen lassen. Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig ist, so sind sie als Zeichen der Reue recht gut, denn das Landvolk besonders möchte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche büssen, als einen Kreuzer Bussgeld dafür ausgeben, und Tränen, die geben sie gar leichtsinnig aus." – "Aber das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland", sagte Kunz, "und die schrecklichen Lehren der Ablasskrämer verderben die Menschen." – "Die Lehren sind schon längst bei uns verlacht", sagte Bertold, "unsre Leute sind darüber hinaus; was aber die