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nichts geht über Augsburger Geld, das gilt in der Neuen Welt.' – übrigens wird es mit dem Gelde bald aus sein", fuhr er bedenklich fort, "die reichen Geschlechter kaufen sich ausserhalb Güter, wie kleine Königreiche, die Alten bleiben nun wohl unter uns, aber die Jungen sind schon mehr in Cadiz, Lissabon und Antwerpen, als bei uns zu haus, und hätten unsre Zünfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368 die Hälfte der Ratsstellen zu besetzen, so würden wir vielleicht künftig von den Landgütern der reichen Geschlechter, wie Ihr von Stuttgart aus befehligt. Mit dem heimlichen Gerichte hätten sie uns gern untergezwungen, aber wir haben die heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgebläut, dass sie nicht mehr wagen, sich unserm Weihbilde zu nahen. Hört, lieber Bertold, Ihr müsst Euer Wappen in mein Gesellenbuch malen, Ihr sprecht so vernünftig, dass ich Euch recht achte und ehre." – "Recht gern", antwortete Bertold "aber ich habe kein Wort gesagt, nur wollte ich Euch bemerklich machen, dass die heimlichen Gerichte eine Freiheit und keine Last, Hohe und Niedre durch gleiches, unabwendbares Gesetz richten sollten. Dazu bedurfte es des Geheimnisses, damit sich keiner dem entziehen konnte, es wurde gefürchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen, als die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Fürsten." – "Ich kann es doch nicht leiden", sagte Kugler, "was ich für ehrlich halten soll, das muss öffentlich getrieben werden, schon in den Zünften sind mir zu viele Geheimnisses, ich will alles klar und deutlich."

Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und traten mit einer Laterne heraus, um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen. Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung, besonders bei Kugler, der sie nie recht anzusehen verstanden hatte, oder weil der schöne Anzug überhaupt dem Nachsommer, wegen des kalten Windes, der noch immer drin weht, nützlicher ist, genug, sie schien in der Pracht ganz verjüngt, ihre Farbe in der ungewohnten Bewegung lebhaft, ihre Augen glänzten, sie hätte eher für eine ältere Schwester, als für die Mutter gelten können; ihr Anstand war vortrefflich und mit dem Kleide schien sie auch die angewöhnte Härte und Roheit des Ausdrucks abgelegt zu haben. Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen, ein Wächter des Hauses in dieser Nacht zu sein. Er fühlte sich dabei sehr zufrieden, da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und ausruhte, der alten Mutter diese Verlobung so gut wie möglich beizubringen, denn er machte es gern allen recht, denen er sich verpflichtet hielt.

Unter grossem Drang, den nur Kuglers mächtige Gestalt durchbrechen konnte, kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal, der schon von dem Glanze der Reichen wie ein wogendes Meer blickte, während die Pfeifer und Trommelschläger durch Bässe und Posaunen verstärkt, mit den Geigen und Trompeten auf den verschiedenen Bühnen wetteiferten, sich trennten und wieder verbanden. Als aber der Kaiser (an seiner Seite Matäus Lang, der Bischof von Gurk) eintrat, da verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung. Die Gesellschaft ging paarweis geordnet an dem Kaiser vorüber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine duftende Blume aus den Körben, welche seine Edelknaben hertrugen. Anna erhielt von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgeblühete Rose. Beide wunderten sich über die frühzeitige Menge aller Blumen, es waren aber künstliche Blumen aus Draht und Seide, denen durch wohlriechende Öle der natürliche Geruch verliehen war. Kunz von Rosen eröffnete dann den grossen Reihentanz, indem er mit einem Degen viele künstliche Fechtersprünge machte, um einen freien Raum im saal zu gewinnen, dabei sang er:

Platz, Platz uns jungen Gesellen,

Wir wollen zum Tanze uns stellen,

Wer reicht mir den Kranz,

Ich führe den Tanz.

Ich bin ein Geschlechter,

Ein stattlicher Fechter,

Ich kann euch beschützen

Mit Messern und Witzen,

Will einer euch kränken,

Ich will's ihm nicht schenken.

Kann schweben und schwanken

Mit Herz und Gedanken,

Kann treten und springen,

Wie Pfeifen erklingen,

Kann drehen und wenden

Mit drückenden Händen,

Mit klopfendem Herzen,

Mit jauchzenden Scherzen;

Es folgen mir alle

Mit freudigem Schalle,

Schnell spielen die Geigen

Den freudigen Reigen,

Es schwanken die Dielen

Je höher sie spielen,

Es stäubet das Haus,

Da geht es zum Schmaus,

Da geht es zum Wein:

Nun Liebchen, schenk ein!

"Das nenn ich ein Kränzelsingen", rief der begeisterte Kugler und trabte scharf, wie ein Gaul, wegen seines hinkenden Beines. Bertold erschrak über sein teuflisches Trampen, aber viele andere machten es nicht besser, der gute Kaiser mochte wohl darüber so lachen, er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte sogar des Bischofs grosse Brillengläser auf, um diese halsbrechende Arbeit recht genau zu betrachten. Als endlich die Männer von Schweiss triefend, als ob sie Holz gesägt hätten, ihre Schritte hemmten, liess der Kaiser den reichen Ratsherren Stutzer zu sich kommen, von dem nachher alle windige Bursche den Namen behalten haben, und machte den Wunsch ihm bekannt, von den jungen Frauen und Mädchen unter sich einen Reihentanz aufführen zu sehen. Die Frauen traten zusammen, Stutzer berichtete, der Vortrag wurde überlegt: wer war nun alt? Bald hätten sich die Frauen darüber verfeindet, aber Kunz sprang hinein, holte die Schönsten paarweis heraus und sagte: "Wer schön, ist jung!" Es mochte wohl für