1817_Arnim_006_53.txt

Radiana von Wellenburg in ein Kloster zu gehen, wenn die Mutter diese Vermählung, dies vom Himmel ihr seltsam bescherte Glück, verhindern wolle. Die Mutter antwortete darauf: "Anna, du hast kein geistliches Blut, du bist ein frisches Mädchen, aus deinen Augen blicken freudige Kinder, darum magst du ihn heiraten, wenn du nicht anders willst; aber ich hätte dir einen jungen Mann gegönnt, dass euer überflüssiges Leben mit einander aufgegangen wäre und dass nicht eines dem andern nachtrauern muss." – "Du weisst Mutter", antwortete Anna, "die jungen Leute haben mich immer mit ihrem Schöntun traurig gemacht, als kämen ihre Worte nur aus böser Lust, als würden sie mich gern verderben, wenn ich es zuliesse. Bertold sagt wenig, aber seine Liebe sieht ihm aus den Augen, er hat mich lieber, als sich selbst; ihm könnte ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen, wenn es mir versagt wäre, seine Frau zu sein."

Bertold trat jetzt gerührt zu Anna, die etwas zusammen fuhr, weil sie sich belauscht sah, nahm ihre Hand, drückte sie an sein Herz und sprach: "Anna, du hegst so fromme, sanfte Wünsche, du denkst so gut von mir, es ist wahr, was du von meiner Liebe zu dir denkst, wir werden glücklich sein, wenn nur nicht die Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte. Ach, liebes Kind, daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert, das hat mir noch keiner gesagt und seit ich gesund worden, fühle ich mich so frisch und lebenslustig, wie damals, als mir das Geschick das erste Liebesglück entrissen." – Fingerling, der bisher still geschwiegen, wollte Bertold etwas mitteilen, aber Anna liess ihn mit den Beteurungen, dass sie Bertolds Alter nicht wahrnehme, dass ein Traum ihr gesagt habe, sie werde eher sterben als er, nicht zu Worten kommen. Endlich sagte die Mutter: "Es ist eine seltsame geschichte und es muss wohl der Wille des himmels sein, dass sich alles so fügen musste; die Leute werden meinen, ich hätte Euch künstlich in mein Haus gelockt, wie in ein Garn, um mir einen reichen Schwiegersohn zu erwerben. Aber ich will es beweisen, dass ich mich nähren kann und nähren werde künftig, wie jetzt, von meiner hände Arbeit." – Als Bertold diese trostreichen Worte vernahm, da zog er von seinem Finger den Ring, den er einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des stürmischen Geschicks verhindert worden. "Es ist ein bedeutungsvoller Ring, den ich Euch biete", sagte er, "nur der sollte ich ihn verehren, der ich mich auf ewig verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der, die ihn nie empfing, die mir früher entrissen wurde, ehe sie meine Liebe kannte, der ich jahrelang vergeblich nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreissigjähriger, treuer Hoffnung sie zu finden, bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke verschwunden ist." – "Bin ich es wert", fragte Anna mit niedergeschlagenen Augen, "so lange gehegte Neigung zu verdrängen?" – "Wer kann Unschätzbares messen", sagte Bertold, "gibt's in dieser seligen Fülle meines Herzens eine Kränkung, so ist es nur ein inniges Bedauern, dass ich so lange einer andern denken konnte: Nimm den Ring Anna." – Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre Hand, während sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog und ihn Bertold überreichte. – Bertold wollte den Ring küssen, als seine Augen darauf verweilten, er mit einer Hand seine Stirne deckte, als ob er sich an etwas erinnert fühle, während er ihn mit der andern dem Fenster näherte. Endlich sprach er, als ob es ihm dämmerte: "Ihn trug die Mutter, sie gab ihn Apollonien, o sprecht: wie kam dies werte Andenken an Euch?" – Jetzt konnte sich Fingerling nicht länger halten, er drängte sich vor und sprach in seiner lebhaften Beweglichkeit: "Warum wolltet Ihr mich nicht hören, ich wollte es Euch zuflüstern, als Ihr eintratet, es ist gewiss seltsam, dass Ihr sie nicht erkannt habt, ich brachte es doch gleich heraus, wie sich Menschen in dreissig Jahren verändern; gross war Apollonia, aber wie ist sie so stark geworden, das kommt von der Arbeit; so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde vergebens." Bertold sah jetzt Frau Zähringer tief in die Augen und sprach: "Verzeihet mir, ich kann dem guten mann diesmal nicht glauben, dass Ihr meine Apollonia gewesen." – Frau Zähringer wischte eine leichte Träne aus den Augen und sprach: "Der alte Name, so lange nicht gehört, wieder einmal von geliebten Lippen ausgesprochen, führt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wünsche zurück. Seid glücklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt, nun ist nichts verloren, was macht die grimme Zeit aus dem Menschen, kaum kann ich mich in die alten Tage zurück denken. Ich habe Euch wohl nicht so geliebt, wie Ihr mich und wie Ihr es verdient hättet, – Anna ist mehr zärtlich und nachdenklich als ich, ich verliere mich bei jeder Tätigkeit; ich dachte nicht in der Unglücksnacht, dass ich Euch entrissen werden könnte und doch habe ich mich hier vermählt, als der Vater starb; – ich hatte Euch