1817_Arnim_006_47.txt

Kleid zerrissen, er biete ihr einen Gulden zur Sühne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar. Der Anblick des Geldstücks löschte alle Zornglut der Mutter, sie schalt die Tochter, dass sie sich nicht mehr in acht genommen, sie sagte Bertold, dass er nicht hätte reiten sollen, wenn er sein Pferd nicht zu führen verstehe, endlich versicherte sie aber doch, weil er sie so höflich angesprochen, wolle sie diesmal nicht schmälen, doch sei es zu viel, was er ihr biete, sie wolle das Stück verwechseln lassen und ihm das zuviel herausgeben. – "Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben", sprach Bertold darauf, "wenn Ihr eine Bitte von mir erfüllen könntet, mich für heute in Eurem haus zu beherbergen, die Wirtshäuser sind gefüllt und alle Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich, den ich im Gedränge aus den Augen verloren habe." Die Mutter sah ihn bedenklich an und mass ihn vom Kopf bis zum fuss. "Ich glaube Euch wohl", sprach sie, "dass Ihr in der Stadt kein Unterkommen finden würdet, waren doch schon gestern alle Herbergen besetzt, aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen, was Ihr für einer seid, und in dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut; es schwärmt viel loses Gesindel umher und wir wohnen hier einsam." – "Liebe Mutter", sagte die Jungfrau, "er meint es gewiss ehrlich, was hätte ihn sonst bewogen, meinen Schaden auf sich zu nehmen." – "Ich habe kein Haus, das sich zum Herbergen für Mann und Ross eignet", sagte die Mutter. – "Im Stall ist wohl noch Platz", sagte die Tochter, "so auch in der Giebelstube." – "Aber wer seid Ihr?" fragte die Mutter. – "Ich bin Bertold, der Bürgermeister aus Waiblingen."- Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an, indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete, schwieg einige Augenblicke und sprach: "Tretet ein, es sollte nun einmal so sein, seid willkommen, Anna soll für Euer Ross sorgen, ich kann mich schon schützen gegen Euch, wenn Ihr etwas Übles wollt." Bertold dankte, aber er gab nicht zu, dass die Tochter sein Pferd führte, er selbst führte es, sattelte es ab, hatte noch etwas Futter bei sich und füllte ihm die Krippe. Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus, wurde in das reinliche Wohnzimmer geführt, wo zwei Leinenwebstühle standen. Er beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild von Waiblingen in deren Mitte befestigt. Die Mutter antwortete nicht auf seine Frage, wie sie zu dem Bilde gekommen, sie schien beschäftigt. Bald rief sie ihn zum gedeckten Tische, wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen, die gleichsam mit weissen Haaren bestäubt waren, einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine hölzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen nötigte, nachdem die Mutter den Segen darüber gesprochen hatte.

Dritte geschichte

Der Becher

Das kleine Mahl war längst verzehrt und noch immer wurde von den Merkwürdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten, welche die Vermählung feiern sollten, gesprochen. Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe für die ritterlichen Spiele, für das Gesellenstechen, das am andern Tage gegeben werden sollte, nicht verbergen, obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehört hatte. Da fühlte sich Bertold recht im Mittelpunkte seiner Kenntnisse, Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen Stücken, die von den Stechen erzählt wurden, spekuliert, sie zu zeichnen sich bemüht, auch alle gesetz und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde Rüxner gemeinschaftlich gesammelt, sein Gedächtnis bewahrte ihm jedes berühmte Turnier und die Namen derer, welche Preise gewonnen hatten. Er unterrichtete die Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen, die nicht wie bei andern Völkern der alten Welt als ein müssiges Schauspiel für die grössere Menschenzahl, sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Männer geachtet wurden, bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren. "Vor allem war das Rennen mit Spiessen immerdar hochgeehrt", sagte er, "und der grosse Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen grossen Reichsverein darin gestiftet, den Adel gegen Verwilderung zu schützen und ihn dem übrigen volk als Vorbild aufzustellen. Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen, gegen des Reiches Beste gefrevelt, Frauen entehrt, die Ehe gebrochen hatte, wer meineidig und siegelbrüchig erkannt, wer feldflüchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat, wer gemordet, wer Kirchen, Witwen oder Waisen beraubt hatte, wer Wein oder Getreide gegen die Kriegsordnung zerstört, wer ohne Grund und Kriegsordnung befehdet und Strassenräuberei getrieben hatte, sollte sein Pferd verlieren und auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden. Diesen Gesetzen fügte Meister Philipsen, des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu, nämlich, dass auch die ausgeschlossen wären, die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren Adel nicht mit vier Ahnen beweisen könnten." – "Bei uns hätten die Reichen dem Meister Philip die beiden letzten gesetz nicht zugegeben", meinte Frau Zähringer, "jetzt werden die reichen Fuggers höher geachtet, als tausend adlige Heckenreiter, die hier aussen in den Vorstädten den Juden ihre Beute verkaufen." – "Meine gute Frau", sagte Bertold, "als jene gesetz angenommen wurden, hatten sie gewiss ihren Grund, der Adel durfte sich nicht