warfen um, niemand kümmerte sich darum, am schlimmsten ward einer Schar der weiss bekleideten Jungfrauen mitgespielt, die nicht Zeit gehabt hatten, sich in die Stadt zu flüchten; auf ihren weissen Kleidern war der Schmutz der bespritzten Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen, als auf den dunkelfarbigen oder bunten Mänteln. Während der Donner des Geschützes von den Wällen die übrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb, fand Bertold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglückten hingezogen, die um ihre Hoffnungen betrogen, Schmerz statt Lust eingetauscht hatten; dort hob er einen Gestürzten aufs Pferd, hier half er einem Wagen aus dem Graben heraus, und sah sich dabei nach Fingerling, aber vergebens um. Bei dieser Geschäftigkeit hatten sich die Leute verlaufen, es wurde ihm tausend Segen gewünscht, aber die Trauung war inzwischen vorüber gegangen, das bezeichnete der neue Donner des Geschützes von den Wällen, wie ihm einer mit Bedauern sagte.
Verdriesslich, seinen Freund nicht finden zu können, der in seinem Mantelsack alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug, noch verdriesslicher, dass an ein Unterkommen in Wirtshäusern, wie ihm jeder versicherte, jetzt gar nicht zu denken, liess er sein Pferd langsam den Fussstapfen der Menschen nach dem andern Tore hin folgen. Schluchzend, weil sie sich einsam glaubte, ging da eine hohe Jungfrau von kräftigem Wuchse, und besah mit Trauern ihr Kleid, an welchem die eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien. Bertold fühlte sich vom Mitleide hingezogen, er liess sein Pferd etwas schneller gehen, dass er fast an ihr vorbeigeritten wäre, wenn ihn nicht die schönen blauen Augen festgehalten hätten, die gleich Vergissmeinnicht am Bache ihre äussersten Blätter eintauchten und mit Tropfen füllten, ehe sie ihm, beschämt gesehen zu sein, die langen, vierfachen Flechten des dichten, gelbbraunen, sanft gekrausten Haares zugewendet hatte. Jetzt konnte er so recht mit müssiger Lust beschauen die Wölbung des Nackens, die breiten Schultern die schlanken Hüften, die weissen, runden arme, vielleicht zum erstenmal der Sonne entblösst, während die hände von ihren Strahlen gebräunt waren, die zierlichen Füsse mit hohem Spann, den edlen gang in der Bewegung aller Falten, die gleichsam von einem edlen Tanze widerhallten. Noch sass der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem haupt der Betrübten, deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte, welcher die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete. Da war kein Mangel, kein Überfluss, sondern in dem Ebenmass ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit, alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich, nirgends Zwang, alles eine schöne Gewohnheit der verhältnisreichen Gestalt. Er hätte so gern ihr Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage, aber er fand keine, so ritt er stumm an ihrer Seite, wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab, wie eine Wetterfahne bei streitendem Winde, denn Apollonia fiel ihm ein, aber so blass wie der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens. Er hätte weinen mögen mit ihr und musste sich freuen, denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt, in solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner Welt, wie auf dem Trone, jedem nach seinem Masse. So kam wie eine höhere Gabe ein Zutrauen in Bertolds Seele, dass er mit ernster stimme zu der Jungfrau sprach: "Ich kann Euch gewiss helfen!" Sie sah ihn an, schüttelte mit dem kopf und sprach mit Schluchzen, das gegen ihren Willen wieder ausbrach: "Kein Mensch kann mir helfen, die Leute haben mir im Gedränge das Kleid zerrissen, was fange ich an, wir haben es zum heutigen Tage geliehen!" – Bei diesen Worten sah sie von neuem den grossen Riss und musste wieder weinen und jammerte über die Schläge, die sie von der Mutter erhalten würde, obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall hätte, es müsse einer im Gedränge mit der Degenschnalle eingehakt sein. – Bertold versprach die Mutter zu besänftigen, er werde ihr den Drang und die Not am Tore berichten. "Ihr kennt sie nicht", sagte das Mädchen, "auch hatte sie mir alles voraus gesagt, aber meine Lust, die fürstliche Braut zu sehen, war allzu gross, und dass ich sie gesehen habe, ist mein einziger Trost bei dem Unglück!" – Und nun erzählte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglück etwas zu vergessen, bis sie an Häuser kamen und sie dem Bürgermeister das niedrige Dach ihres Hauses zeigte, da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun, sondern sich hinter dem steinernen Brunnenbecken verstecken.
Bertold fasste seinen Entschluss, ritt voran nach dem haus und bat die Jungfrau langsam nachzukommen, indem er sich den Namen der Mutter, welche Frau Zähringer hiess, von ihr sagen liess. Er klopfte an das Haus und hörte sie im haus schelten, wer sie schon wieder stören wolle; gleich trat auch eine rüstige Frau heraus, etwas stark, doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn jugendlicher, als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten liess. Sie hatte wahrscheinlich am Webstuhle gesessen, denn sie hielt noch ein Schiff in Händen und fragte mit Ungeduld, was Bertold wolle. Das Ansehen, die stimme noch mehr erinnerten Bertold an etwas Bekanntes, inzwischen achtete er nicht darauf, sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annähernden Tochter in der Art vor, er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrängt worden, und habe ihr ohne bösen Willen mit seinem Sporn das