vorwärts gegangen, wie mit Eurem haus und Eurer Weberei und jedermann wisse jetzt vom Städtlein Waiblingen in der Fremde zu rühmen, wie von Eurem Tuche, dass es nicht besser als in Waiblingen zu finden. Aber sagt mir, habt Ihr die Mutter sterben sehen?" – "Nein", antwortete Bertold, "ich war damals so krank, dass mir das Unglück lange verschwiegen blieb." – "Die Leute", meinte der Maler, "wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben." – "Torheit des wundersüchtigen Völkchens, sie konnte keine Stunde ohne mich leben", erwiderte Bertold, "wie hätte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen ihres Daseins geben wollen. übrigens könnt Ihr denken, lag manches Schmerzliche für sie in dem Verhältnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard, sie musste ihr die Hälfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten, und Hildegard fühlte oft nicht, wo sie auch jene andre Hälfte tief kränkte, oder an sich riss. Dieser Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln, welche mir die eine, oder die andre zubrachte, da wollte keine zurücktreten und ich musste verschlucken und einreiben, was der Wahn von Jahrhunderten in den Köpfen der Leute an Geduldsmitteln für Kranke zusammengebracht hat. Seht da alle Flaschen, Kruken und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke, die ich während der Jahre ausgeleert habe, ein grässliches Kriegesheer des blassen Todes. Auch verheiraten wollten sie mich mehrmals und stritten sich darüber, mich den Schwachen, der mit seinem Polsterstuhle vermählt ist." – "Domine", sagte der Maler, "in den Flaschen, Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit, mein Paracelsus und mein Doktor Faust aus Kindlingen, der jetzt hier ist, haben die ganze Heilkunde transfiguriert, sie ätzen, schneiden, brennen, wo die andern leise überstrichen, sie schmeissen den Pinsel gegen das Bild, wo keiner fertig malen konnte, und siehe, immer treffen sie damit den rechten Fleck, ich hole den Doktor Faust, Ihr seid gesund, Signor." – Bertold lächelte über den eifrigen kleinen Mann und sprach: "Mir hilft keiner, ich habe schon so viele von diesen Gelddieben befragt, so viel von vergeblichen Mitteln leiden müssen, dass ich seit Jahren aller vergeblichen Quacksalberei entsagte; mag sein, weil ich so seltsam entsprossen bin, dass mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlägt. Seht Meister Sixt, ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr, studierte selbst die alten Bücher der Ärzte, lernte von einem flüchtigen Griechen, mit Namen Laskaris, das Altgriechische, um den Hippokrates lesen zu können. Die Sprache ist mir ein Trost, aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht geholfen. Ich meine, dass ich für meine inwohnende Kraft seit den heftigen Blutstürzen zu lang gewachsen bin, nur wer mich zusammendrängen könnte, der könnte mich heilen und verjüngen." – "Das kann Faust gewisslich", rief Sixt, "er hat mir schon so eine geschichte erzählt, wie er die Konfiguration eines Menschen kondensiert und konzentriert habe, um ihn von dem horrorem vacui zu heilen; ich ruf ihn, bester Herr Bürgermeister."
Und ehe noch Bertold seinen Willen drein gegeben hatte, war schon Meister Sixt die Treppe hinunter und Bertold betrachtete sein eigenes Bild, das schon in den wenigen Stunden unter der Hand des fixen, vielgeübten Mannes so weit vorgeschritten war, dass jedermann die Ähnlichkeit erkennen konnte. Nun hatte sich Bertold wohl schon im Spiegel mit ganzem gesicht, auch in einem Gemälde schon so gesehen, aber ganz von der Seite, wie ihn Sixt nach seiner unwiderstehlichen Tücke genommen, hatte er sich nie erblickt. So fehlte ihm hier, was sein Bild sonst erträglich machte, der lebendige blick, das Friedliche und Milde des Ausdrucks im mund und es graute ihm vor sich selbst, er meinte auf Erden nichts Grässlicheres, keinen ärgeren Spuk in mitternächtlicher Einbildungskraft gesehen zu haben, er hätte das Gemälde zerstören mögen, aber noch lieber sich selbst; was auch der Tod ihm bringen möchte, so meinte er doch selbst bei der Verwesung nicht übler weg zu kommen. Dieser heftigen Bewegung folgte die Schwäche, Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem Ruhelager, als sie eintrat, ihn zum Mittagessen zu rufen.
Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen, dass sie über die schnelle Änderung herzlich erschrak. Darum hörte sie mit Freuden von dem Diener, als wär's ein Engel, dass sich ein Arzt, Doktor Faust, ansagen lasse. Meister Sixt begleitete den Wundermann, trat aber bescheidentlich, wie ein dienendes Gestirn zurück, als das feuerrote, dicke Gesicht des Arztes, mit weiss blondem Haar und kahler Platte ausgestattet, gleich einem Vollmond in dem Zimmer des Bürgermeisters aufging. Was trug der Doktor für ausserordentliche, rote Pluderhosen, noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen, die Bänder hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze; zehn Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams, der nicht minder seltsam nach Venezianer Art geschnitten war; seine Finger waren mit unzähligen Ringen voll Grabsteine bedeckt; auch einen prachtvollen, türkischen Dolch trug der feurige Drache, einen Kranz mit Amuletten um seine Hüften und sein Diener stellte einen kleinen Turm voll künstlicher Scheiben, Zifferblätter in die Mitte der stube, in welchem unzählige Räder schnurrten. In solchem Aufzuge war noch kein Arzt erschienen, es war, als ob eine kleine Welt mit ihm zöge, auch war sein Wesen dermassen heroisch