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auch nimmermehr wieder gesehen worden, am andern Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine, so dass wir erkannten, ein Arm des Rheins fliesse unterm Münster, und die Kirche musste sich einen neuen Kahn bauen lassen, um jährlich die Gewölbe zu untersuchen." – "Und der Baumeister?" fragte Bertold ruhiger. "Ja der", antwortete der Maler, "der sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde, als wäre er auch von Stein, doch kniete er noch lange davor und die Leute erzählten, er sei wohl zu Asche verbrannt. allmählich hat ihn der Regen herunter gewaschen, es ist nichts mehr von ihm zu sehen." Bertold wurde jetzt so blass, dass der Maler einmal über das andre rief: "Cospetto di bacco, ich habe nicht so viel Bleiweiss bei mir, ich muss immer mehr darauf streichen, und es will immer noch nicht käseweiss werden, wie Ihr ausseht." – allmählich erholte sich nun wieder Bertold und erzählte dem Maler, dass er diese Kränklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage, da er ihn als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen. – "Ihr waret rot wie ein Apfel", sagte der Maler, "habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu viel Preis gegeben." – "Wär es nur das", antwortete Bertold, "so wäre doch etwas mir geblieben, aber nein, mein Leben ist mir verkümmert worden, ohne dass ich einen Genuss, oder eine höhere Absicht des himmels darin erraten kann, das Schicksal hat mich zertreten, wie der Mensch einen Wurm, der ihm zu gering ist, als dass er seinetwegen den Fuss eine Linie weiter setzen sollte. Ihr wisst, dass ich damals meine Mutter gefunden hatte, ich führte sie in den Seitenflügel, der damals allein noch stand, zu meiner Pflegemutter, um ihr die Rechte unsrer Bürgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern. Es schien auch für den Augenblick, als ob diese sich beruhigten, seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt hatte. Nun müsst Ihr wissen, dass mein Pflegevater Bertold damals gefangen sass wegen einer Kränkung, die wir dem neuen Türmer angetan hatten. Der Türmer war aber mit einer Seite des Turmes herabgestürzt, es fehlte also der Ankläger. Ich schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefängnisse des Vaters, fragte ihn, was ich tun könne, er reichte mir einen Schlüssel zu seinem Schreibtisch, wo eine Anklage gegen den Bürgermeister schon aufgesetzt liege, die ich einem Zunftmeister übergeben sollte. Ich eilte nach haus, ich las diese Anklage, es war darin unwiderleglich erwiesen, dass der hochmütige Bürgermeister die Bürger bei öffentlichen Bauten betrogen habe. Da stand ich in grässlichem Zweifel, ob ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in ihrem Vater von mir stossen und vernichten sollte. Halb tot übergab ich endlich nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten hände. Es wurde eine Versammlung der Bürger gehalten in den grössten Trinkstuben, ich fühlte mich so unglücklich, wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen. Am Morgen erzählte mir Fingerling mit grossem Triumph, der Bürgermeister sei mit seiner Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zuträger vernommen, dass sein Betrug verraten sei und er von der Bürgerschaft in Untersuchung genommen werde. Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen Fingerling in die arme, ein Blutsturz machte mir Luft, ich lag schwer darnieder und konnte mich nicht freuen, als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank zum Sterben, ich war so vernichtet in meinem Herzen, dass ich gern sterben wollte." – "Signor", sagte der Maler, "den Kopf etwas höher, alles übrige schadet mir nichts, erzählt, das belebt die Züge." – "Eine kränkliche Schwäche blieb mir nach der Gefahr", fuhr Bertold fort, "die beiden Mütter waren beständig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt, ich fühlte mich zärtlich geliebt, aber von der, die ich über alles liebte, konnte mir niemand berichten, ob sie meiner hülfe nicht dringend in der Fremde bedürfe. – Der Bürgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen, weil der Vogt aus seinen Papieren erfahren hatte, dass er abwechselnd mit den Kronenwächtern und mit den Städten heimliche Verbindungen angeknüpft habe, um die Stadt reichsfrei zu machen. Auch über Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet. Die Nonnen gaben ihr schuld, dass sie wegen heimlicher Liebeshändel dem Kloster entwichen sei. Auf mich häufte sich alle Qual der Stadt im gespräche der Mütter, endlich auch noch das drückende Geschäft des Bürgermeisters als der Vater Bertold mehr in der Verlegenheit, als aus Überlegung von den Bürgern dazu erwählt war. Auf mich fiel die Arbeit ganz, als der Vater durch meine fürstliche Mutter in eine zeitraubende Frömmigkeit eingeweiht wurde, beide beteten Tage lang mit einander und in der Kirche. Auf mir, dem jedes Schreiben eine Anstrengung kostete, ruhte das mühsame Geschäft während des Städtekrieges.

Als der gute Vater kurz vor dem tod meiner Mutter an seinem kleinen Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwächt hatte, erwählte mich die Bürgerschaft einmütig in seine Stelle und wählte mir zugleich einen Stellvertreter für alle die Geschäfte, denen ich in meiner Kränklichkeit nicht vorstehen konnte." – "Darüber freute sich noch gestern im Ratskeller ein alter Bürger, der es vorgeschlagen", unterbrach ihn der Maler, "mit der Stadt sei es so schön