1817_Arnim_006_36.txt

graue Gitter

Dieser Steine Flammen malen,

Dass sie brechen und zerschmettern

Diesen Turm, den ich geschlossen,

Und schon blick ich zu den Wettern,

fest entschlossen, unverdrossen,

"Nein", rief Bertold und sprang auf, "nein Herr, keine Blitzstrahlen sende in mein Haus, obgleich ich des Hauses auch zuweilen überdrüssig bin, nun ich es überall vollendet habe; wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses." – "Domine", sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend Farben auf der Scheibe zusammen, die nicht zusammen gehörten, "was fehlt Euch? Das Poema ist nicht auf Euer Haus, sondern auf den Strassburger Münster gemacht; soll ich einen Doktor rufen?" "Ich danke Euch", sagte Bertold und setzte sich wieder in die rechte Lage, "der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt, ohne ihn hätte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und hätte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen, welche die Welt in ihren Herrschern verehrt, wäre in eitlem Sinn in die Absichten der Überklugen eingegangen, welche der Zeit Gewalt antun möchten. Lassen wir das, erzählt mir weiter von dem Baumeister." – "Es alteriert Euch", sagte der Maler, "darum will ich mich der Kürze befleissigen, mit einem Worte, der Baumeister kniete oben auf dem Knopfe vor dem Marienbilde, wie ein kleines Figürchen, dergleichen am Eingange stehen in Stein; kein Mensch wusste, was daraus werden sollte, und das Volk wurde gar sehr ungeduldig. Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute aufgefordert von dem Rate, den Baumeister herunter zu schaffen, aber sie versicherten alle, es sei zu viel gewagt, weil er mit der Fahne auch die kleine Leiter fortgestossen habe, welche ganz notwendig sei, um auf den Knopf hinauf zu steigen, es scheine, dass er nicht zurück verlange. Aber der Rat wollte nun einmal nicht, dass er da oben bleibe, da erbot sich ein verruchter Mensch, für einen grossen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu werfen, wenn er nicht die Zitation des Rats annehme, die ihm sogleich schriftlich ausgefertigt, auch mit dem grossen Wachssiegel bedruckt wurde. Der Signor Birbante machte sich auf den Weg, aber viel Zeit war über die Ausfertigung der Zitation vergangen, und so hell es vorher war, dass wir sehen konnten, wie der Baumeister die hände rang und beten wollte, aber immer wieder die hände rang, weil er sie nicht falten konnte, so wurde es jetzt allmählich trübe am Himmel, die Wolken zogen gegen den Wind, es blitzte in der Ferne. Der verruchte Bote liess sich nicht abhalten, der Teufel hatte ihn mit dem Gelde verblendet. Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken, wie ein Wiesel lustig hinauf rennen, eben wollte er hinaus, baff, – 'da haben wir's', schrien alle, die nicht davon liefen." – "Was, was?", rief Bertold, "so lasst doch den Pinsel aus dem mund, oder tut's nachher." – "Es sind nur ein paar Härchen, die ich abbeissen muss", antwortete der Maler, "nun ist es wieder ganz gut, das kann mancher Mensch nicht mit seinen Zähnen leisten." – "Nun erzählt nur weiter, was geschah", rief Bertold und hielt sich am stuhl fest "ich habe mir in der Zeit schon dreimal das Genick gebrochen, es ist ein schwindelndes Unternehmen, aus der Schnecke heraus zu treten, ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur selten ansehen." – "Besonders, wenn die Mauer so vom Winde bebt", antwortete der Maler, "da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel, die Stufen waren auch glatt vom Regen und ein Mensch, der keine Praktik in solchen Klettereien hat, meint schon in den Schnecken, er könne wohl ausgleiten und durch die mannshohen Nasenlöcher der Steinhaube, die wie eine Brüsseler Spitze gelöchert ist, hindurch fallen." – "Racker", schrie Bertold auf und fasste den Maler am Kragen, "sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei, so bin ich des Todes: was wurde aus dem Wagehals, was wurde aus dem Baumeister, sag's mit einem Worte!" – "Impossibile", sagte der Maler kalt, "mit einem Worte kann ich mich nicht exprimieren; Ihr müsst einen Arzt gebrauchen, ich erzähle Euch kein Wort mehr von selbigem Vorgange." – "Ihr sollt aber", rief Bertold, "sonst friert mir alles Blut in den Adern." – "Nun", antwortete der Maler, "auf Eure Gefahr; als der Galgenvogel den einen Fuss hinaussetzte, zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei auf die grosse Glocke nieder, dass diese ganz fein aufschrie, da kriegte sein Cranium auch eine Erderschütterung, er ging sacht zurück, als ob er's nicht gewesen wäre, und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach zwischen beiden Türmen. Da ging mir schon der Regen durchs Hemde, ich zog mich zurück wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehört, der bewusste hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen beständig turbieret worden, bis er sich unter dem Münster in dem Wassergewölbe, das über den beiden Brüdern steht, geflüchtet, sich auf einen Kahn gesetzt und vom land gegen des Kirchners Rat abgestossen habe. Der Bandit ist