1817_Arnim_006_34.txt

sich nicht nehmen liess, am Morgen, ehe es tagte, ihm mit einem Kuchen die Augen zu blenden, um welchen schon mühsam der Wald vergangener Jahre durch eben so viele kleine, brennende, bunte Lichter ausgedrückt war. Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz, als wären's unbewusste Sünden, und er dachte der vielen verlornen Zeit, der vielen geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen Lieblingen in den Büchern irgend etwas getan, obgleich er in seiner Stadt die höchste Ehre, die Stelle als Bürgermeister erreicht hatte. Dann sah er alle die gemalten Briefe durch, die er am Jahreswechsel erhalten, und wünschte sich die Zeit zurück, als er noch selbst dergleichen für den Bürgermeister Steller mit demütiger Ehrfurcht geschrieben; da flossen seine Tränen häufiger, denn er fühlte die sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen, die er nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen hoffen durfte. unwillig setzte er den Trank, den er einnehmen sollte, in den Schrank zurück, nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah nachdenkend die schönen, feinen Bilder an, mit denen es durchweg geschmückt war. "Er ist unglücklich wie ich", dachte er, "aber er hat doch etwas erfahren und er starb früher als seine Isalde."

Der Diener trat ein und meldete einen niederländischen Maler Sixt an. Bertold fuhr bei dem Namen aus seiner Träumerei mit offenem Visier dem Ankommenden entgegen, der demütig, klein und krummbeinig vor ihm reverenzte. "Seid Ihr's, lieber Sixt", sagte Bertold, "ja Ihr seid's, der meiner Mutter Begleiter gewesen, ihr hülfreich in ihren arbeiten beistand und sie damals vor etwa dreissig Jahren hier verliess." – "Verzeihet es mir, Herr Bürgermeister", antwortete der gekrümmte Maler, "ich glaubte mich nicht recht sicher bei der edlen Gräfin, denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der Baumeister wusste mir immer Arbeit nachzuweisen, da hielt ich es für meinen Unterhalt sicherer, mit ihm nach Strassburg zu ziehen. Es ist mir aber allda sehr konträr ergangen, weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde, die Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Züge getreulich darzustellen, die sie nicht gern an sich erblickten, also dass sie sich durch ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung, die sie so lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten. Jetzt aber bin ich meine Aberration inne geworden und male die Leute, wie sie gern sein möchten und empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier." – "Nein alter Freund", rief der Bürgermeister, "nicht in dieser neuen Manier, in der alten malt mich, dass ich um so williger sterbe, wenn meine Leiche mir schon im Abbild des Lebenden entgegenfriert." – "Hoffe zu kontentieren, Eure Exzellenz", rief der Maler, und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett, seine Staffelei zum Zusammenlegen, seine Farbenscheibe, wohl belegt mit allem Farbenreichtum, seine blecherne Büchse mit Pinseln aus und stand jetzt, nachdem er sich der Last entledigt hatte, als ein feiner, wohl gebildeter, nur etwas buckliger Mann vor dem Bürgermeister. "So schnell dachte ich nicht, diese Arbeit zu unternehmen", rief dieser, "inzwischen bin ich heute frei von Geschäften, und wer weiss, ob ich morgen noch lebe." – "Bemerke nur wenig von dem hippokratischen gesicht an ihr Hochunvermögen!" sagte der Maler. Während der Arbeit erzählten einander beide, was sie während der langen Zwischenzeit betroffen, denn Meister Sixt war sehr neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzählungen zu bezahlen. Bertold brachte ein Gemälde mit dem Gewebe, das nach diesem, beides aber von der Hand seiner rechten Mutter gemacht, mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke hervor. "Damals trug ich noch Farben auf den Wangen, Hoffnung im Herzen", sagte er, "seht, so kunstreich ist mein Mantel aus Blüten aller Art von der Mutter erfunden und ausgeführt und ein Kranz von singenden Vögeln schwebt über dem haupt, das begeistert den Himmel offen und tausend Engelköpfe in der schimmernden Bläue erblickt, die Mutter ist tot, die Blüten sind verwelkt wie meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen." "Wann starb Eure verehrte Mutter?" fragte der Maler, indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in den Umriss peitschte. "Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren", antwortete der Bürgermeister, "als sie einen grossen Schreck, den die Ihren ihr bereitet, nicht überleben konnte." – "An dem Tage beliebte auch der Baumeister zu sterben", sagte der Maler, "und mich unredlich in meinem Geschäfte zu verlassen. Es liesse sich viel darüber sagen, wenn ich nur Zeit hätte." Aber Bertold bat ihn, sich Zeit zu nehmen, er wolle sie ihm bezahlen, als ob er während derselben gemalt habe. – Sixt berichtete nun, dass der Baumeister viel von dem tod der Gräfin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe, dann sei er auf die Spitze des Münsters, auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs, der allein seine Spitze vollendet trägt, hinauf gestiegen, kletterte zu allem Erstaunen an den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter, welche das von ihm auf den Knopf gesetzte Marienbild festgeschnürt, bedeckt hatte. Mit der Fahne flatterten unzählige gedruckte Blätter zur Erde;