damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken erfüllte. Der Mann war an so schnelle Entschlüsse wenig gewöhnt, er verlangte in der Verlegenheit nach dem rataus, aber die Tochter liess er nicht aus der Hand, gleich wie die Fremde den Schädel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an sich drückte. So zog nun der Bürgermeister mit der Tochter, der grimmige Schlächter mit dem zerschmetterten Lamm ab, über das der sichre Stall zusammengebrochen war.
Nun trat, als er geschieden, der Prior aus seinem Versteck heraus; er hatte für seinen Namen, für sein Amt gebetet, dass er nicht als Entführer der Tochter in Anspruch genommen werden möchte. Er benutzte zur Flucht die ersten Augenblicke, wer hätte geglaubt, dass ein feurig rotes Antlitz so bleich werden könnte!
Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefasst, sie sprach zu Bertold: "Das Unglück ging vorüber, auch der Sturm hat seine Zeit, um so schöner wird die Stille sein, in der jeder erkennt, wie viel ihm blieb." – "Wir müssen den Sturm benutzen, um fort zu ziehen", sprach der Baumeister nach einigem Umschauen in den Vorderzimmern, "ich habe die Pferde bestellt, unsre Wache ist fortgelaufen, jeder zu den Seinen, mögen sie mich für einen Zauberer halten, weil ich die Gewalt der natur als ein gutes Zeichen benutze." – Aber die Fremde erklärte fest, dass sie bleiben wolle; wenn sie ihren Ansprüchen entsage, werde sie Schutz und ruhigen Aufentalt bei dem geliebten Sohne finden, sie wolle nicht länger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich emportreiben lassen, sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde. – Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen, aber sie lehnte alles ab, dann nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse, die er von ihr trug, zerriss sie und gab sie der Fremden zurück. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete längere Zeit still vor ihr. Der Wagen rollte vors Haus, er verliess Mutter und Sohn mit Schweigen.
Ihm folgten die meisten der Leute, welche die Fremde bis dahin als die Ihren behandelt hatte, auch der Maler Sixt, dessen Kunst sich ihr oft in Beihülfe verbunden hatte. Sie weinte auf, die liebe Fremde, als der Wagen im Sturme rollte: "Ich habe einen Freund verloren", sagte sie, "dich aber kann ich nicht verlieren, mein Sohn, führe mich in dein Haus zu den treuen Seelen, die deine Jugend bewachten, der Sturm senkt die Flügel, er hat erfüllt, was er sollte, und die zerstreuten Wolkenschäflein sammeln sich wieder ruhig aneinander; es bedarf der ganzen Gewalt und Erschütterung des Erdelements, um dem geist seine Freiheit zu geben. Ich war befangen von innen und äusserlich von meinen Feinden bewacht, der Sturm hat alle Ketten abgeschüttelt und ich danke dem Himmel, dass die Zerstörung, in der auch dieses Haus schwankte, mir ein neues Vertrauen geschaffen hat." – Bertold bat die heftig bewegte Mutter, sich zu beruhigen, das morsche Häuschen zu verlassen und in dem sicheren haus einzukehren, das er zu irdisch ewiger Dauer begründet und auferbaut habe. Sie sprach noch mit ihren Dienern, dann führte er sie hinunter auf die Strasse. Da flatterte ihm ein Schleier in die Augen, der an einem eisernen Schildhaken hängen geblieben. War es Apolloniens Schleier? Vielleicht ihr letzter Gruss der ihm werden sollte. Er wagte es nicht, ihn mitzunehmen, so sehr es ihn gelüstete, denn er war strenge von Bertold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden; aber er blickte so lange es ihm möglich nach dem Schleier um, als wäre es die Geliebte, und als er dem Auge ganz verschwunden, da stand er schon in der Nähe seines Hauses. Und nun beengte ihn die sorge, wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen würde, sie vertrug sich nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang. "Sie liebt mich", dachte er endlich, "sie wird auch die Mutter lieben."
"Gottes Segen über dich, lieber Sohn", rief Frau Hildegard ihm entgegen, "eben bringt Meister Fingerling die Nachricht, dass unser guter, alter Turm bei dem Sturm zusammengestürzt ist, eben als ein Wagen mit einem Fremden hinausgefahren war; da wäre ich wie der neue Türmer in meinen Sünden hingestorben und verdorben, wenn du mich nicht in das neue Haus geführt hättest." "Es gibt Zeichen und Wunder", rief die Fremde. – "Wen führst du mir ins Haus?" fragte Frau Hildegard. – "Die Mutter, die mich geboren hat", sagte Bertold, "führe ich zur Mutter, die mein Leben erhielt; umarmt euch, ihr lieben Mütter, liebt euch um meinetwillen, dass ich euch beide zusammen wie eine Mutter umfassen, lieben, ehren kann." – Frau Hildegard segnete die Stunde, in welcher jene Bertold geboren, die Fremde segnete die Stufen, auf denen sie in das Haus angestiegen, das alles, was sie auf Erden noch liebe, den Sohn und seine treuen Pfleger umfasse. Da sanken beide Frauen einander zärtlich in die arme, und Bertold drückte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung. Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen bestreut, Apolloniens Lamm war dem Bertold unbemerkt nach gelaufen, weil er es getragen hatte, und schloss sich an ihn, als wüsste