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den ich nicht vollenden konnte, und den ein junger Maler Sixt, der mich begleitet, mit geschicktem Pinsel füllte, das brennende Haus, unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten, dort den tückischen Ritter mit Kind und Krone, den grimmigen Martin, den ich aus tiefster Seele verfluchte, und hier den blutigen Ritter, der ein Andenken von mir begehrt. – Aber was ist Euch, junger Herr?" fragte sie ängstlich, dass sie alle zusammenfuhren, den jungen Bertold, "Eure Tränen übermannen Euch, Ihr wechselt die Farbe wie ein Kranker." – Mit gebrochener stimme antwortete Bertold: "Mir wird gewiss wohl, wenn ich ins Freie komme, erlaubt mir nur wenige Zeit, ich werde mich erholen und Euch etwas überbringen, woran jetzt meine ganze Seligkeit gekettet ist."

Er eilte nach seinem haus, fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und beten, es tat ihm wehe, ihr zu sagen, dass er sie wohl nicht mehr lange als seine einzige, liebe Mutter verehren würde, er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf die Frage, was er suche, und sie berichtete ihm während des Suchens, dass der alte Bertold wegen des ausgehängten Turmwächters zum Bürgermeister spät abends gerufen und noch nicht wieder gekommen sei, weswegen die Leute meinten, der Bürgermeister habe ihn einsetzen lassen. Diese unangenehme Nachricht ging ohne tiefen Eindruck an ihm über, sie merkte aber den Ärger und die Angst, in die er sich versetzt fühlte, als er den Kasten mit dem geliebten haupt durchaus nicht an der Stelle finden konnte, wo er ihn hingestellt hatte. Frau Hildegard konnte keine Auskunft von ihm erpressen, was er suche; die Angst, das Kennzeichen seiner Geburt verloren zu haben, verwirrte ihn schon, er hörte auf nichts und hätte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewiss übersehen, wenn sie gleich vor ihm gestanden hätte. Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig: "So ist nun der Mensch, er meint, der Teufel habe sein Spiel, wenn er irgend eine Kleinigkeit, die er braucht, nicht finden kann, und einen guten Gedanken, den ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben könnte, verschluckt er darüber, als ginge er nicht verloren, wenn er zu spät kommt. Lass dein Suchen und rate mir, wie wir uns mit dem Bürgermeister benehmen!" – Das Wort drang in sein Herz, er fiel der Mutter Hildegard und den Hals, er suchte sie zu trösten wegen des Vaters; dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens, und wie er nur geschwiegen, um ihr die sorge zu sparen, als ob seine Liebe schwächer werden könnte, wenn sie sich teilte. Frau Hildegard weinte und segnete die höhern Wege der Vorsehung, wünschte sich aber zurück in die stille Ruhe des Turmes, wie sie der Welt näher gekommen, werde sie auch von ihr bewegt; dann zeigte sie auf einen Wandschrank, wo unser Bertold das Heiligtum fand. Er drückte den Schädel so heftig an Mund und Herz, dass jenes Blinkende, was Martin für einen Helmring angesehen, aus der Öffnung des Schädels sprang und über den Boden rollte. "Es ist ein Trauring", sagte Hildegard, die ihn aufhob, "hier steht der Tag eingegraben im inneren Kreise." Besinnungslos freudig sprang schon Bertold mit Schädel und Ring die Treppe hinunter zur wohnung der edlen Fremden.

Siebente geschichte

Der Sturm

Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau, sie hatte sich zur Besorgung einiger Briefe fortbegeben. Ohne sich Apollonien erklären zu können, drückte er ihr die Hand und küsste den Schädel; Apollonien durchdrang ein Entsetzen, sie weinte, denn er schien ihr sinnlos. – "Beweine nicht mein Glück", antwortete Bertold, "wer keinen Vater, keine Mutter kannte und von Fremden so mild und zärtlich, wie ich auferzogen wurde, der ahndet erst alle Liebe, die eine rechte Mutter zu ihm trägt, und auch dich, Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken, aus gutem, edlen Stamm bin ich entsprossen, bin kein Findelkind, dessen sich die Eltern schämten, wie mir die bösartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien, als ich noch ein armer Schreiber war." – "Bist du also vornehm geworden", fragte Apollonia, "dir gönne ich's recht von Herzen und will für dich im Kloster beten, dass kein Glück dich verdirbt." – "Du willst wieder ins Kloster?" fragte Bertold traurig. – "Ich war recht glücklich und zufrieden im Kloster", antwortet: Apollonia.

Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster blick fiel auf den Ring, der aus der Wunde des Schädels entfallen, in Bertolds Hand glänzte, sie sah auch den Schädel und die tiefe Wunde, in der er so lange verborgen gelegen, sie glaubte, die geliebte Gestalt wieder zu erblicken, und es hatte nach so langen Leiden ihr nichts Schauerliches mehr. Mit hastiger Ungeduld, der Worte oft nicht mächtig, stammelte Bertold seine geschichte, wie er auf dem Schädel geruht, was Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen. Nun wusste sie, was sie bei seinem Anblicke gefühlt hatte, ihr war alles gewiss, sie umhalste ihn mit Tränen, drückte ihn an sich und sprach: "So habe ich dich wieder, du geliebter Sohn, und keine Macht soll dich mir rauben, du bleibst nun an meiner Seite; wie eine Löwin, die ihre Jungen schützt, so will ich dich mit meinem