groben Kleide sieht ein Hemde von höchster Feinheit hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt, den jeder König in seiner Krone tragen könnte." – "Es ist so der Brauch bei unsern reichen Bürgerfrauen", antwortete der Baumeister, "Ihr müsst der guten Frau in gewissen Dingen nach sehen, ihr Verstand mag wohl von manchem Unglück angegriffen sein, aber sie ist sehr gut und muss mit aller achtung behandelt werden." – "Nun seht", sprach die Gräfin, "Apolloniens schöne, länglichte Finger, welche weisse, weiche Haut, nur darum war es mir zu tun, dass jeder die anerkennen sollte; wie schön wird sich auf diesem Finger der Trauring ausnehmen – dass er dir nur nichts Trauriges bedeute!" – Bei diesen Worten steckte sie gerührt einen goldnen Ring an Apolloniens Finger und sprach: "Den behalt so lange, bis dir einer lieber ist, als du dir selbst." – Sie ging jetzt zu Bertold über und sagte: "Und dieser Johannes mit dem Lamme, will es scheren, um daraus feine Tücher für die ganze Welt zu verfertigen, ach Gott, den kann ich gar nicht ansehen, Ihr wisst Baumeister den Zug an den Augen, diese Hügel zur Stirne herauf, das kann ich gar nicht sehen, ohne zu weinen! Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen; wer zu essen verlangt, lasse sich einen Teller geben, aber der Prior darf sich nicht so nahe setzen, der arme Mann hat so rote Augen, wüsste ich ihn nur zu heilen!" "Die Augen sehen ins Himmelreich, davon sind sie rot", sagte der Prior, "ins Himmelreich und ins Glas, kann sie nicht mehr rein polieren, sie sind dauerhaft rot angelaufen, es ist die Frage, ob's einer für Geld machen könnte, wenn's verlangt würde." – "Ihr solltet beständig Brillen mit breiten Rändern tragen lieber Prior", sagte die Frau, "so sähe niemand Eure Augen genauer und Ihr könntet für einen erträglichen Mann gelten. Ihr Leute schafft eine Brille!" Das Essen wurde in prachtvollen, silbernen Gefässen gebracht, auch silberne Teller umgereicht und in dem Gedecke liess sich deutlich ein fürstliches Wappen noch an der Krone erkennen, ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schön gewebter Blumenstern eingenäht war. Auch eine Brille kam bald, die ein Mädchen dem Prior, der sich erst weigerte, auf die Nase steckte, mit dem Bedeuten, die gnädige Frau könne sonst aus Widerwillen nicht essen. Es wurden seltene, kostbare speisen aufgetragen, aber die Frau nahm nur wenig davon, Apollonia und ihr Lamm waren zu ängstlich, um etwas zu verlangen, die andern hatten das Ihre reichlich genossen, desto lebhafter wurde von allen Seiten über Apolloniens Schicksal beraten. Der Prior sollte am Morgen der Äbtissin, die er durch Apolloniens wahren Bericht ganz in seine Gewalt bekommen, von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zurückführen. Dem Bürgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben, da von seiner störrigen Gemütsart, die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war, einiger Skandal für das Kloster und für Apollonien zu besorgen wäre.
Der Tisch war aufgehoben, alles war besprochen, der Prior und Bertold wollten fortgehen, indem der letztere Mut gefasst hatte, seiner Eltern zu erwähnen, da hielt der Baumeister beide auf, sagte dem Prior, dass er ihm mit Elsässer Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig wäre, und Bertold versicherte er, dass er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern seinetwegen beruhigt habe, sie alle wären der Frau, die sie aufgenommen und die nur bei Nacht Gesellschaft sehen dürfe, zu einiger Unterhaltung verpflichtet. – "Nun freilich", sagte die Frau, "auch ich bin euch dergleichen schuldig; die beide Herren haben ihre Flasche, was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten an. Stellt euch einmal an, als wäret ihr verliebt, es gilt nur für diese Nacht und morgen ist Apollonia ein kleines, angehendes Nönnchen." – Apollonia liess es sich gefallen, ihre Hand Bertold zu geben, mehr wurde aber nicht aus der Sache. "Willst du denn wirklich eine Nonne werden?" fragte die Fürstin Apollonien. Diese antwortete ihr, dass sie erst recht zufrieden im Kloster geworden, sie müsse dahin zurückkehren. – Die Fürstin seufzte und sprach: "Es ist schwer, dem zu entsagen, was wir nicht kennen, wer aber die Welt mit aller ihrer Freude kannte und alles verlor, der mag da gern absterben; suchte ich nicht den verlornen Sohn, ich hätte mich längst in die Stille der Klostermauern zurückgezogen.
Ich war einst ein recht wildes Mädchen", fuhr sie nach einer Pause fort, "vielleicht merkt ihr davon nichts, als eine gewisse Lebhaftigkeit, die zuweilen in schnellen Sprüngen meiner Gedanken sich äussert und die Leute bange macht, weil ich des Übergangs nicht erwähne, ich könnte wohl von Sinnen sein: unser guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung. Mein Vater, der keine Söhne hatte, förderte meine Neigung zu männlichen Beschäftigungen, weil er mich auf diese Art beständig um sich sehen und in müssigen Stunden der Jagd sich mit mir unterhalten konnte. Da fabelten wir oft, wie der Ritter durch Heldentaten aller Art ausgezeichnet sein müsste, der mein Herz rühren sollte; wir musterten alle junge Fürstenund Grafensöhne Schwabens, fanden aber keinen meiner würdig." – Sie ist also doch eine Fürstentochter,