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, gar lieblich dufteten die Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde. Die Äbtissin sah das alles, aber sie zitterte so innerlich, dass es ihr wenig Freude machte, nur spottete sie leise zu Apollonien über den Turm, der freilich erst im Aufsteigen war. Aber als sie der tür nahe war, erschütterte sie die Höhe derselben und die Reihen betender Gestalten, die sie im reifigen Bogen umschwebten. Sie konnte die Schlüssel nicht umdrehen und das schwarze Gewölbe legte sich immer dunkler über die freie Seite des himmels. Die Jungfrauen drängten sie ängstlich und ungeduldig zur tür hin, bis sie endlich ein Herz fasste und das Schloss eröffnete. Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten haus der Gnade, aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel. Endlich sammelten sich die Lichter am Altare, an dessen Seiten die Chöre sich erhoben, und alle staunten gerührt über die Herrlichkeit. Wo sie die drückende Fläche der Balken sonst mit Ärger im augenerhebenden, herzenbefeurenden Gesange angestarrt hatten, da schien jetzt des himmels Gewölbe mit Sternenglanz und Äterschein sich erst zu erheben, fast schien es ihnen, als ob die Kirche oben noch nicht geschlossen sei. Die Äbtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in Beschämung und Bewunderung über die Herrlichkeit einer Kunst, die sie nie geahndet hatten. Dann stimmte die Äbtissin ein Gloria an, und der Schall des Chors verklärte sich so wunderbar in dem Gewölbe, dass sie erschrak, als ob noch ein andrer Chor von obenher einstimme. Als sie aber die Herrlichkeit des eignen Ausdrucks in diesem heiligen raum erkannt hatten, da riss Begeisterung die ungläubigen Scharen an den Haaren empor, dass sie zwischen Himmel und Erde schwebend, ein unerschöpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen liessen.

Sechste geschichte

Die hohe Fremde und ihr Ritter

Der Baumeister und der Prior sassen, der Zeit vergessen, bis Mitternacht beim Weine, nur Bertold zählte die Augenblicke, weil er die Angst der Mutter bei seinem späteren Ausbleiben kannte, aber er wagte nicht, die beiden Herren zu stören, deren Gespräch ihn bezauberte, weil er nie zwei Menschen über so hohe Dinge ausführlich hatte reden hören. – "Kein Glas mehr", sagte der Baumeister, "sonst finde ich den Weg nach haus nicht mehr!" – "Der junge Freund da wird Euch schon führen", sagte der Prior, "er trinkt mässig und hört lieber zu, das ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit. Noch ein Glas vom Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme:

Als der Turm zu Babylon

Mit dem haupt wankte,

Läuft der Meister gleich davon,

Der vorher sich zankte,

Steckt den Plan in seine tasche,

Saugt sich Mut aus voller Flasche,

Lässt sie nicht von seinem Mund,

Bis er sieht auf ihren Grund.

Lächelnd tritt er in sein Haus,

Spricht als rechter Kenner:

'Diese Rechnung war zu kraus,

Zähler ohne Nenner,

Mauern ohne Fundamente,

Sprache, die uns Menschen trennte,

Seht der Mond stiess an die Spitz,

Da verbrannte sie der Blitz.'

Gib dem Himmel alle Schuld,

Wenn du schlecht bestanden,

Und du gehst in eigner Huld

Nimmermehr zu schanden,

Ist der Turm dir eingefallen,

Diese Dummheit kommt von allen,

Wer das Geld hat nach dem Streit,

Gilt doch einzeln für gescheit.

Es ist doch seltsam", sagte der Prior am Schlusse des Liedes, "dass bei allen grossen Bauten immer grosse Streitigkeiten ausgebrochen sind, von denen in Strassburg seid Ihr noch besser, als ich, unterrichtet und nun bei meinem kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden. Der Mond scheint eben hell durch die Wolken, ich meine, wir besuchen einmal mein Werk, der Mond gibt allen Bauwerken das schönste Licht, denn der farbige Flitterstaat der vergänglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zurück." – "Das kann ein Grund sein", sagte der Baumeister, "aber die Verhältnisse erscheinen grösser, je weniger die bekannten Gegenstände uns deutlich sichtbar werden; ich freue mich auf ein Werk, das mir im Plane wohl gefällt." – So rüsteten sie sich zum Fortgehen und Bertold begleitete sie in Ergebenheit, indem er vergeblich nach einem Vorwande suchte heimkehren zu können. So kamen sie in die Nähe der Kirche, und der Baumeister lobte scholl die schönen Verhältnisse. Vielleicht wären sie vorüber gegangen, wenn nicht eine alte Hebamme mit grosser Angst an ihnen vorüber laufend erzählt hätte, es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche gegangen und singe jetzt darin. Der Prior wollte sie ausfragen, aber sie liess sich nicht halten und schrie, als ob sie selbst gebären wollte. Der Prior stutzte, aber der Baumeister sagte ruhig: "So müssen wir uns in die Kirche begeben, wer weiss, was da für Unfug getrieben wird, den Gesang höre ich deutlich." – Sie gingen beide der Kirche zu, während Bertold halb entseelt ihnen nachschlich, und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte. Die tür öffnete sich leise, sie standen bald in der Mitte der Kirche und staunten der lieblichen Erscheinung der schönen Mädchen, die entschleiert dem Altar nahe standen, an dessen höchster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm, von der Last desselben gedrückt, sich niedergelassen hatte. Doch dieser Anblick und der Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schönheit und Würde: nicht Bertolds feurig erglühende Wangen, aber der weisse Mantel des Baumeisters störte die Versammlung. Die mutige Babeli schrie zuerst