1817_Arnim_006_218.txt

Gebiete, er irret umher, blind, fliehende Hirten erzählen ihm von dem Drachen, der das Land verwüstet. Hart betroffen in seinen gehemmten Schritten durch Mangel des Augenlichtes reisst er plötzlich sein Schicksal an sich: "Komme meiner Verhängnisse Gewaltsamstesda ich der Sonne nicht mehr kann ins Auge schauen, liegt mir ob, was der Sehende nicht vermag, dem Volk vor den Füssen wegräumen, was es bedrängt." Er sucht den Drachen auf, um das Land zu befreien und den Tod zu finden; er erlegt ihn aber und erhält durch sein Blut das Gesicht wieder. Als er dies vollbracht hat, führen die Hirten ihn gegen seinen Willen zu Rappolt, der ihn als Sohn begrüsst; aber indem er ihn umhalst, von dem Gifte, das der Drache in den Mantel gebissen, erkrankt er, und verlangt von Anton, dass er den Turm der Kronenburg ersteige und die Wache bei der Krone übernehme. Nun kann Anton ohne Wanken den schwindelnden Steig hinaufwagen, die Verzweiflung, die zum Drachenkampf ihn gestählt hatte, hebt ihn jetzt über die Gefahr gleichgültig hinaus. – So bricht die Seelengrösse, irdisch gezeugt, aber selig gesprochen, in ihre Blüte auf. Schutzgeister nahen und hauchen begeistigend ihn an, er erreicht unbewusst die Stufen, auf denen er sich nimmer zu halten wähnte. Dort sehen wir ihn seiner Befähigungen sich bemächtigen, sich und dem Göttergleichen zulieb, das ihn treibt, uns aber wie eine Hieroglyphe entgegensteht, das Unbegreifliche nämlich.

Woher die sehnsucht in königlichen Geschlechtern, als ob der Sonne Tag eben ihnen erlösche? Woher die Schwere des flügellahmen Geistes zum Stürzen? Zu müde gegen die Geschicke sich aufzuraffen, die fern donnernd heranrollen über die ahnenden Häupter der Todeshelden?

Wenn wir sehen unsern Helden mit raschem Selbstgefühl durchsetzen, was der Augenblick heischt, oder sich widerstemmen dem Untergang, oder auch aus sinkender Nacht verborgne Keime hervorbrechen, gierig den Tautropfen aufsaugend in die vollen Blüten und schmerzlich aufseufzend, so oft zu höherer Befähigung sie Nahrung gewinnen, dann fühlen wir, wie jede leise Regung des Geschickes, jeder Reiz gleich zur Handlung sich wandeln muss, und das Widersinnige mit schneller Kriegswendung todverkündend niederbeugen muss, um dem Genius, der auf ein harmonisches Dasein deutet, zu genügen.

Anton übernimmt jetzt die Wache bei der Krone und wünscht sich den lieblichen Geist Voluptas zurück, dem er entsagt hatte; der kommt nicht, aber der Teufel erscheint ihm, wie er sonst gewesen, wie herrlich, fröhlich, kräftig, wie jedes Auge ihn angelacht; nachher lässt er ihn im Brunnen sehen, wie er verfallen und abgemagert keinen Reiz der Sünde mehr bietet. – Nun versucht er jenen Geist, wie er ihm damals erschienen war, zu malen, indem er die Gänge zur Burg verziert, er bringt aber das Ideal des Muttergottesbildes hervor, das immer um eine Kopflänge höher erscheint als der Beschauende. – Tage vergehener sehnt sich nach öffentlichem Berühren mit der Gesinnung des Volkesein freies Land, damit nicht etwa längst anerkannte Begriffe, sondern das wirklich Schwankende, noch Unsichere in allem Werdenden, ins Gegenwärtige zur Eingebung, zum allgemeinen Kunstgefühl sich fördern. "Dieses wird durch ein einziges lebendiges Beispiel dem Menschensinne näher gerückt als durch unzählige Besprechungen, und somit werde ich mehr Dank verdienen", sagte sich Anton, "wenn ich diese Einsamkeit verlasse und mit meinem Willen das Wesentliche darlege, als alle Untersuchungen, die sie zweifelnd berühren, um sich auszugleichen mit Härten und Gesetzen." Überall müssen wir den ehren, der keine Untersuchung seines Anreizes verschweigt, unbesorgt ob einzelne wohl gar zu dem sich verführen lassen, was er als falsch erkundet, er fühlt, dass er nicht der einzige, nicht der unfehlbare Ausleger höherer Erkenntnisse sei, die ihm Leben und Lernen zugeführt haben, er scheuet keinen Weg, welcher den Hochgebildeten anstössig oder kleinlich scheinen könnte, aus dem aber der Gesamteit Begriff und Lehre hervorwachsen mag; ihm selbst erleuchtet sich das Forum der Künste in vollendender Begeisterung. Im feuernden Abendrot steigt er von der Höhe herab und verlässt die Burg:

Aus meiner Zelle treibt mich fort

Die leere Einsamkeit,

Es füllet sie kein heilig Wort,

Es nährt den inneren Streit.

Das innre Leben ward nicht mein,

Weil ich das äussre mied,

Das Ewige will nicht zeitlich sein,

Das in der Zeit erblüht.

Es gleicht mein bleiches Angesicht

Des Grabes Bild von Stein,

Es scheint gewesen, strahlt kein Licht

Ins Innere hinein.

Die Sanduhr gleicht der Todeshand,

Lauft ab des Lebens Geist,

Es hat sie keiner umgewandt

Und keiner naht mir dreist.

Der fromme Schauder war bald hin,

Der mich der Welt entriss,

Ein endlos Meer ist kein Gewinn,

Wenn ich das Land vermiss.

Ich flehte, dass ein höhres Wort

Der Seele Flügel wär,

Es riss mich keins zum Himmel fort,

Ich blieb mir immer schwer.

Weh jedem, dem hier nichts geschieht,

Weil alles scheint gering,

Weh jedem, der hier gar nichts sieht,

Weil er das Licht verhing,

Der sich in die Beschauung senkt

Und nichts zu schauen hat

Und was er findet, immer denkt,

Dass er des Denkens satt.

Es treibt mich wieder in die Welt,

Die ich mit Hohn verliess;

Ach wie sie mir so wohl gefällt,

Die ich einst von mir stiess.

Als ob ich nimmer von ihr liess,

So bin ich drin zu Haus,

Gewinn, der Seligkeit verhiess,

Spielt schon das Leben aus.

Es spiegelt sich