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zum Teufel, als dass ich ewig beichte sitzen muss'. Ihr seid mir alle beide lieb, wir wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden. Der Bertold ist gar kein übler Anfänger, ich hab oft schon seine Arbeit belauert, nur schade, dass all die schönen Säle zu weltlichem Gerümpel dienen sollen, denn was ist das Kleid des Menschen wert, wenn er selbst nur ein Madensack ist, Euer feinstes Tuch ist nur ein Übersack des Madensacks; ist der Wein alt genug, so schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter, der Wein mag jämmerlich rufen: 'Setzt ab!' Da hilft nichts, er muss nieder, so auch der Mensch, er mag zappeln, so viel er will, er muss in die Erde, dass ihn die Maden fressen." – Bei solchen Worten trank er mächtig und gab dem Baumeister durch klopfen, Händedrücken, Bartstreichen allerlei närrische Zeichen, denen Bertold in Demut zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte, voll des frohen Gefühls, dass es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fusstritte regnete.

Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung. Die Äbtissin war eine alte, sehr lebendige, dürre Jungfrau, von gar unermüdlicher Tätigkeit. Sie freute sich herzlich, wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und verzieh ihnen jede Unart, wenn sie nur fleissig den reichen, in Absätzen gebauten Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten, mit ihr die gewonnenen Früchte sorgsam dürrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten, auch die Kräuter zur Armenapoteke, die sie für die Stadt bereit hielt, vorsichtig trockneten und klein rieben. Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter, nannte sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen, ungeachtet ihrer übrigen Tadellosigkeit, sehr verlästert. Die Äbtissin lachte über sie, durch ihre Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht, um die verfallene Klosterkirche neu zu erbauen, dies war ihr Stolz. Apollonia ward ihr Liebling, weil sie in der Wirtschaft schon sehr geübt war, diese rief sie zu allem Kummer und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens. Auch heute hatte sie ihr den neuen, heftigen Streit mit dem Prior erzählt und dass ihr nichts so kränkend sein würde, als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und stärksten Nonnenstimmen unter dem Backofen, so nannte sie das Kirchengewölbe, verlieren sollte. Apollonia meinte, es müsse doch erst untersucht werden, ob die Stimmen so unterdrückt würden, ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte. "Wie sollen wir's versuchen", klagte die Äbtissin, "der gang zur Kirche ist noch nicht wieder hergestellt, es möchte eine böse Nachrede geben, wenn wir in die ungeweihte, neue Kirche gingen, um den Gesang zu versuchen." – "Und doch muss es bald geschehen", sprach Babeli Brix, "denn der Vater sagte mir, dass der berühmte Baumeister aus Strassburg, vom Prior hieher gerufen, heute oder morgen ankommen werde, um für ihn ein Zeugnis abzulegen." – "Da will er uns mit dem Namen des Baumeisters ganz unterdrücken", rief die heftige Äbtissin, "ehe wir noch wissen, wie sehr unsre Stimmen von dem Gewölbe erdrückt sind; wär's nur nicht zu spät, wir gingen noch heute zur Kirche; aber ich fürchte die Nachrede der Schwester Veronika." – "Da weiss ich Rat", sagte Babeli listig, "die ganze Stadt hat ein Gerede von einer Nonnenprozession, lauter verfluchte Nonnen, die Nachts um zwölf nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrüssen, der da begraben ist, aber keiner hat sie gesehen. Wir haben auch keine Geister gesehen, wir besprengen uns mit geweihtem wasser, wir sind unsrer viele, da fürchten sich die Geister; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen, die wir unter den Kutten verbergen, um zwölf Uhr nach der Kirche, singen eine Mette, dann können wir den Prior zu einer öffentlichen probe ausfordern, er muss zu seinem Schimpf das Gewölbe abreissen lassen." Die Äbtissin küsste Babeli in heller Freude, und hörte nicht auf Apollonia, die ihr das Wagestück ausreden wollte, Josephine Brix brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender, dass an diesem Tage von je her um ein Lamm gespielt worden wäre. Das Kloster versammelte sich zu diesem Spiele, so ward dieser Abend mit einem Eifer, einer Lust gewürzt, es gab ein Zischeln, ein Vorbereiten, ein Beobachten der alten Nonnen, denen man nicht traute, wie es nur unter eingesperrten, lebenslustigen Jungfern möglich ist. Endlich war das lebende Gespenst, die Mutter Veronika, fort gegangen, sie hatte Apollonien das Lamm geschenkt, weil sie am schnellsten die geistlichen Sprüche hersagen konnte, nun ging's ans Gespensterspiel.

Jedes Mädchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefährliche Fahrt, nur Apollonia liess sich an dem Lamm genügen, das sie eben gewonnen hatte und mit halb heiliger Andacht ehrte. Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm musste sie den Zug eröffnen, die Laternen wurden versteckt, sie verliessen leise die schützenden Mauern. Ein schwarzes Ringgewölbe schien über die Hälfte des himmels gezogen, hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte, die Gassen waren leer, als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte; nur ein Kind schrie aus der Ferne, das vom Alp oder von seiner Amme gedrückt wurde, und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem zug hin, die Fledermäuse schwirrten in Lüften