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mit Rat beizustehen. Ihnen übergab Frau Anna sowohl die goldnen Hufbeschläge als auch das Gold, doch verlangte er es auf der Stelle zu zählen, um jeden Verdacht von sich abzulehnen. Indem sie nun die Gulden aus dem Sack herausschütteten, fiel auch der lederne Beutel heraus, der Geber aller dieser Reichtümer. Die Zigeunerin sah ihn zuerst und bat Frau Anna darum, sie wolle einige Wurzeln hineintun, die sie eben eingesammelt und die ihre Kraft verlieren machten. Frau Anna in ihrer Sparsamkeit, ungeachtet die Frau ihr so redlich beigestanden, verweigerte es ihr, aber Herr Arnold meinte, das Beutelchen sei einer reichen Frau ganz unwert, auch versprach die Zigeunerin, dem Kindchen eine Violenwurzel zu schenken, auf die es beim Zahnen beissen könne. Frau Anna nahm diese Wurzel und gab das Beutelchen der Zigeunerin, die sie noch fragte, ob sie ihr auch aus der Hand wahrsagen solle und sie dabei an der Hand fasste. Zwar hörte Frau Anna mit dem Zählen beschäftigt wenig zu, aber die Zigeunerin musste es ihr sagen: "Ihr haltet gut Haus, aber Ihr gebt das Beste weg, das ist gut, und weil Ihr's Beste nicht achtet, wird es Euch abtrünnig und das ist gut, Ihr kriegt noch einen Mann, ja das ist gut, er kriegte sonst keine Frau und das ist auch gut."

Während sie noch so weiter dahlen wollte, kam schon der fröhliche Herbstzug der Kinder über das Stoppelfeld, Frau Anna eilte sich mit Zählen und da viere zugleich dabei beschäftigt, war alles beendigt und Herr Arnold mit seinen Gehülfen trug alles in die Stadt. "Also Frau, meinen Mann kriege ich wieder", fragte Anna, die der Zigeunerin nur halb zugehört hatte. "Werdet's schon sehen", sagte die Zigeunerin, "wenn einem Glück gesagt wird und einer hört nicht zu, da vergeht's ihm wie verfrorne Knospen."

So zogen die Zigeuner fort in den Wald, Frau Anna aber lief mit dem kind dem zug entgegen, der in allerlei Vermummung das schneiden des Weines feierte, sie war die einzige ohne Larve, wenn gleich viele andere ebenfalls zu erkennen waren, ein jeder rief sie an wegen ihres Glücks, sie aber fürchtete sich, dass jeder nun von ihr etwas begehren werde, und war entschlossen nichts, gar nichts abzugeben.

Der ganze Zug war unendlich fröhlich zu beschauen, die gleich und ernstaft gekleideten Kinder, die in einer Kriegsordnung vorüber zogen und als Panier grosse Blumenkronen hoch erhaben trugen, umgeben von den vermummten wunderlichen Gestalten der älteren Leute, machten einen Eindruck wie ein kleines kunstreiches Zwergenvolk, das in ein wildes Riesenland siegreich eingedrungen ist, der Himmel schien ihnen hold, die Sonne glänzte ungetrübt auf dem blauen grund, kein Zugvogel liess sich in der Luft mit mahnendem Geschrei vernehmen, vielmehr schien ein verspäteter Herbst dem Jahre zulegen zu wollen, was von dem Sommer in den Schrecknissen der Zeit untergegangen war. Die neuangekommenen Pforzheimer folgten dem lustigen zug in Gesellschaft der ernsten Ratsherren und der bejahrteren Bürger, an ihrer Spitze ging Katarina, die ihren Harnisch nicht ablegen mochte, ihr hatte Anton seine Stelle übergeben, während er selbst in die von den Kindern geöffnete Kirche eingetreten war, der Einsamkeit sein Herz auszuschütten, das allmählich die harte Wut mit weicher Wehmut vertauschte. Seine Frau schwebte ihm erst vor den Augen, dass er sie nicht bannen konnte, bald aber ging diese Gestalt in das freischwebende zärtliche Nebelbild über, die ihn allen Heiligen zum Trotz freundlich begrüsste, und diesmal lieblicher als je ein Inbegriff alles Schönen war. Ihr Wesen war diesmal unausstehlich, sie suchte ihn sogar eifersüchtig zu machen, indem sie den alten bärtigen Heiligen schmeichelte und doch nebenher zu ihm hinschielte.

"Ach", seufzte Anton, "Christus, hab ich deinen Tempel errettet vor der Zerstörung, kannst du den kleinen zärtlichen Teufel nicht von mir verjagen, der mir deinen Tempel verunreinigt, gedenke, wie du die Krämer daraus vertrieben, ein grösseres Unheil ist dies zu nennen, Herr zeige, dass du lebst!"

Bei diesen Worten verschwand das zärtliche Bild und er hatte Musse, seine Vorzeit sich zu vergegenwärtigen, er sah die Bilder, die er mit Fleiss und Lust geschaffen, sie waren ihm aber alle nicht recht, er zog das kleine Bild Susannens heraus, wie viel Heiligkeit, Leben und Segen gegen alle Marien, Katarinen und Cäcilien, womit er die Altäre der Kirche geschmückt hatte; es ergriff ihn eine Wut gegen sich, gegen seine Arbeit, er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass diese arbeiten einst seinen Namen tragen sollten, einen Namen, dem so grosse Geschicke anvertraut waren, es drängte ihn in den Fingern, seine Glieder zuckten ihm zum Zerstören, wie Kranken, die den Tod in sich tragen, die sehnsucht sich zu vernichten, sich zu zerstören, alles dient diesem Wunsche, mit einem zug hatte sein Degen drei der grössten Altarbilder, die auf Holz gemalt waren, zerspalten; noch aus den Trümmern sah ihn der verspottete Christus unter der Dornenkrone mitleidig an, aber das vermehrte nur seinen Gram und seinen Zorn, die Blitzesschnelligkeit seines Degens, der rasch den heiligen Christophorus niederhieb und die heilige Katarina. So wütete er, bis kein Stück seiner arbeiten mehr kenntlich war, und wohlgefällig sah er auf die Trümmern, niemand hatte ihn gestört, denn alle, bis auf wenige Wächter der Häuser, waren dem Feste nachgezogen; mit kühnem Blicke stand er auf diesen bunten Brettern und