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in mir gesellt.

Sie blieb bei diesem Schlusse stehen und Anton erkannte in den Lichtern, die vor ihnen im Tale leuchteten und bewegten, sein gutes Waiblingen; es überfiel ihn eine Rührung, was er gewesen, als er ausgegangen, einsam vom Teufel Seger geführt, jetzt durch die Geburt an hohe Geschicke geknüpft, schon durch Taten mächtig und bekannt, reich an Freunden und Geld, mit ihm ein guter Engel und eine wunderbare Schwester, und indem er so im Gedanken einige Schritte vorgetreten war, fühlte er sein Gemüt in einer Erhebung, die ihm sein altes Wesen entfremdete; da schlug ihn eine Hand auf den rücken, da grüsste ihn eine bekannte stimme mit den Worten: "Ha Anton, Lumpenhund, liebster Herzensbube bist du wieder hier? na was hast du geschossen?"

Es war der Jäger, wo Anton sonst halbe Nächte verspielt hatte, der ihn also begrüsste; wie sich aber Anton herumdrehte, dass ihm das frische Wachtfeuer in die Augen leuchtete, da trat der dürre Jäger zurück und meinte, er sei es wohl nicht, er habe ja ein ernstes Angesicht wie der Kaiser. Aber Anton nahm ihn freundlich bei der Hand, sagte ihm, dass über sein Gesicht in der kurzen Zeit so mancher Wind gegangen, sein Herz sei noch dasselbe, des wolle er ihm bei gutem Weine Bescheid sagen. Aber der dürre Jäger konnte nicht mehr in seine rechte Laune kommen, immer wollte er noch etwas aus alter Zeit fragen, aber da blieb er mitten inne stecken und sagte: "Ei, das gesteh ich!" Zuletzt stand er ganz ab vom Reden und wendete sich zum Weine, der ihm noch nie so gut vorgekommen war, dabei gefiel er sich bald mit Konrad ganz vortrefflich, der auch lange keinen so geistreichen Mann wollte gesehen haben, fast brannte ihm der Geist zum Halse hinaus.

Güldenkamm hatte die Anordnung dieser letzten Abendtafel übernommen, er hatte die Gäste auf den Hügeln verteilt, schöne Wachtfeuer wirbelten in die Luft und Trompeter verkündigten von einem Tische zum andern, wenn Gesundheiten ausgebracht wurden.

Diese kriegerischen Töne, womit kriegerische Seelen gern ihre Lust würzen, damit jede Art der Begeisterung sich verbinde, schien im Widerhalle an den Mauern der Stadt seine natur zu verwandeln; was jenen auf waldiger Höhe das Blut erwärmte, erkältete es diesen in den Mauern der Stadt Eingeschlossenen, die schon seit länger als vierzehn Tagen eine Belagerung von den Bauern fürchteten. Niemand erschrak aber so verdriesslich, als die Eltern aus den Betten aufstanden und sie weckten, als die Kinder, die zu dem grossen Herbstfeste, das nach des seligen Bürgermeisters Stiftung mit Tanz und Geschenken aller Art im Frühling und im Herbste gefeiert werden sollte, aufsprangen und jetzt von nichts hörten, als wie sie in Kellern und Bodenkammern versteckt werden sollten. Die Kinder lärmten so unerschrocken, widersetzten sich so ungestüm, griffen ohne sich abhalten zu lassen, nach den weissen Feierkleidern, nach den roten Mäntelchen und blauen Baretten, die ihnen aus der Stiftung verehrt waren, dass viele von ihnen, während die Eltern in grosser Verlegenheit mit einander beratschlagten, schon auf dem Markte versammelt waren, als eben das erste Morgenlicht erschien. Der gute Arnold, der Ratsherr, der damals mit seiner Weisheit das Leben des kleinen Anton gerettet hatte, ging in seinen Amtskleidern vorüber und der kleine Anton, der zum Feste zum erstenmal wieder in die Stadt gekommen war, hing sich an ihn und sagte, dass er bei ihm bleiben wolle, die Mutter, die jetzt eine kleine wohnung im Keller ihres Hauses bezogen, krame schon die halbe Nacht an ihren Habseligkeiten und habe ihm gedroht, sein neues Kleid auszuziehen. Der gute Arnold suchte ihn und die andern Kinder möglichst zu trösten, blickte auf gegen Himmel und sagte: "Hört Kinder, mir kommt ein Gedanke von oben, betet fromm, dass er sich erfülle, bleibt still zusammen, bald komme ich vom rataus zurück und sage euch, was ihr zu tun habt." Die Kinder knieten in der Morgensonne in Reihen auf den Stufen der grossen Treppe, die zum Münster hinaufführt, nieder und beteten ein jeder, was er wusste und was seinem Gemüte recht demütig klang, dass der Herr ihnen die Lust des Jahres beschütze. Der Glöckner sah die Betenden und öffnete die Tore des Münsters, da strahlte die Sonne durch das Goldglas über dem Altare, die Türen, welche die heilige Mutter Gottes verschlossen, sprangen auf; da glänzte sie mit silberner Krone und ihr Kind hatte segnend zwei Finger aufgehoben; eine Taube, die auf dem Altare eingesperrt worden, flatterte in sanften Kreisen über beiden und schwebte dann empor. Die Kinder schrieen bei diesem Anblicke auf, sie hätten Gewährung ihres Gebets erhalten und zogen nach dem Rataus, wo ihnen Arnold mit den Worten entgegentrat: "Ihr Kinder, habt ihr Mut, für eure Vaterstadt, die ihr länger als wir bewohnen sollt, einen demütigen gang zu dem wilden Feinde zu wagen, der mit Mord und Brand seinen Weg bezeichnet? – Vielleicht könnt ihr uns und euer Herbstfest retten, hat doch Jesus Christus die liebreichen Worte verkündet: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; seht, das Wort wird sich behalten von Ewigkeit zu Ewigkeit, auch das Blut wird es nicht auslöschen im Herzen der wilden Krieger." – Der kleine Anton trat mutig hervor und sprach: "Gottes Wille geschehe im Himmel wie auf Erden, ich gehe voran den Feind um Schutz für meine liebe Mutter,