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, dass es wieder erkannt werde. Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schöpfung, mit Steinen und gebrannten Erden; unsre Arbeit fordert Jahrhunderte, wenn sie gross werden soll, sie dauert Jahrtausende. Die Axt des Zimmermanns fürchtet den alten Eichbaum, mit mühsamerem Fleisse meisseln wir Eichen zum Tragen der Gewölbe aus Steinen, die wir mit weichem Kalk, Eisen und Blei zur festesten Einheit verbinden. Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen, manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht, darum halten wir unter uns zusammen in den Hütten, die zu Jerusalem gestiftet, in der Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt, jetzt im Münster zu Strassburg ihren Mittelpunkt finden. Einzeln sind wir nichts, wir müssen verbunden leben, müssen für verschiedne Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und Lehrlingen verbreiten." – "Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen anzusteigen", sagte der junge Herr. – "Sie haben die Form", fuhr der Baumeister fort, "wir haben das Wesen! Wir erkennen einander, ehe wir uns den Wert zuschreiben, die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu können, an welchen die irrende Liebe und der törichte Hass der Lehrlinge meistert. Die Länge und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der Nachbaren voraus bestimmt, die Höhe, welche zum Himmel aufsteigt, ist darum nicht willkürlich, weil sie frei ist. Davon ahndet der Zimmermann nichts, nur die Holzstärke bindet ihn, sonst baute er gern in den Himmel. Ihr habt hier das Rechte aus seltner inneren Einsicht getroffen, es lässt sich aber auch berechnen; der letztere Weg ist lang, aber sicher, jener ist kurz, aber unsicher und fordert einen Sinn der Erfindung, der nicht allen erteilt ist. Unsre Kunst ist ein allgemeines Eigentum, wie würde sie sonst von jedem verstanden werden, aber ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedürfnis und in der Bedingung jedesmal neu zu lösen und da langt keine Berechnung aus. Die Regel nutzt nur dem, der sie entbehren kann, den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel ist ein Rätsel, das durch andre Rätsel fortilft. Darum müssen wir nicht bloss das Wissen prüfen, wenn wir einen frei sprechen, wir müssen die Kraft der Erfindung in ihm erforscht haben. Ich sage Euch, lieber Bertold, Ihr solltet Maurer werden." Bertold sah ihn verwundert an und sprach: "Hätte ich nur früher daran gedacht, aber jetzt ist's zu spät, ich bin schon zu weit in der Handlung, doch erzählt mir etwas noch von Euren Bauten." Der Baumeister blickte etwas finster um sich und sprach: "Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt Überdruss, jenes, wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet, diese, wenn wir über sie sprechen sollen. Führt mich zum Prior, der hier den Bau der Klosterkirche besorgt, er hat mich rufen lassen und harret meiner, vielleicht gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit, dass ich Wortzeichen, Gruss und Handschenke, wie sie in unsrer Hütte gebraucht werden, Euch mitteilen kann." – Der junge Herr führte ihn nicht ohne Scheu zu der wohnung des Priors, weil er seit dem unglücklichen Geschicke in der Gesellschaft des Bürgermeisters keine Gesellschaft besucht hatte. Es war ein Seitengebäude des Augustinerklosters, wo sie anklopften, und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen, ein kleiner, heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen, welche letztere sich in einem roten Kreise von Augenlidern, wie in einer Abendröte bewegten, auch trug der Prior ein grünes Schiffchen zum Schutze derselben. Er hatte kaum ein Wort von dem Baumeister des Münsters aus Bertolds mund vernommen, so warf er sich diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals. Bertold wagte nicht zu widersprechen und der Baumeister lächelte fein, hier war auch kein Widerspruch angebracht, denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen. Er berichtete, dass er sich eben wieder heftig mit der Äbtissin des Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister käme ihm recht gelegen, um sie mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen. "Sie lässt sich nicht überzeugen", sagte er, "dass die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewölbe noch eben so gut und besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden, sie meint, dass der ganze Sängerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde, dass ich den Chor überwölbt habe. Ich sagte ihr umsonst, dass sie sich auf mich, den baulustigen Augustinerprior verlassen könnte, sie meinte, dass ich darauf nicht die Weihe empfangen hätte und dass der Strassburger Baumeister wohl anders darüber sprechen würde. Nun was meint Ihr?" – Der Baumeister wollte antworten, aber der Prior fragte Bertold: "Was will denn der lange Kerl; Wer ist das?" – Der Irrtum erklärte sich, der Prior fluchte und betete, dass ihm der Himmel den Fluch verzeihe, hob sich auf den Zehen in Ungeduld, strich den Bauch im Bunde, der ihn umgürtete, und fragte Bertold, wer er sei. – Als Bertold seinen Namen nannte, da setzte der Prior seine Brille auf, sah ihn an und sprach: "Ich finde Euch gar nicht sonderlich schön, die Apollonia erzählt mir immer von Euch. Das ist ein seltsam Kind, die kann nie fertig werden mit der beichte, immer ist sie durch Euer Andenken gestört worden; 'lauf, lauf', muss ich ihr sagen, 'lauf lieber