1817_Arnim_006_197.txt

kalte feuchte Nacht

Weilet sausend ihr im Ohr.

Die lustigen Seelen waren aber noch nicht hinlänglich verschlafen, um von dem Schreckensgesange nicht aufgeweckt zu werden, ein paar fielen über ihn her, um ihn zum Tanzen zu bringen, er wehrte sich, aber es half nicht, der Zwang verdross ihn, aber es half nicht, er schlug um sich, es half nicht, ein paar knollige Bursche hatten ihn gepackt, ein paar ludelten dazu, Anton gönnte ihm den Unterricht in dem, was sich beim Trinken schickt. Endlich riss ihm die Geduld und er riss sich los, die andern mit Holzbränden hinter ihm her, das war eine Jagd, er lief so eilig, dass er einem wilden Eber beinahe in die Rippen trat, der dann mit seinen Hauern den Verfolgern den Weg zu verhauen Lust bezeugte. Der Anblick war den unbewaffneten Verfolgern nicht willkommen, sie waren noch gescheit genug davon zu laufen, wobei es leicht begreiflich war dass sie im allmählichen Erlöschen aller ihrer Feuerbrände den rechten Weg verfehlten, nur ein paar kamen zu Anton zurück, der mit Konrad und Susannen beim Weine geblieben war. Vergebens war jetzt das Rufen nach ihnen, die vielen Stimmen, die verwirrend einander zuriefen, der Widerschein, der sie weiter lockte, Irrlichter, die sie in falsche Richtungen führten, Moräste, die sie vermeiden mussten, zogen sie immer weiter von dem schönen Lager ab, an dem sich jetzt die Knechte ergötzten, die über einander genug zu lachen und zu erzählen hatten, was jeder erlebt, wie er sich endlich wieder zurecht gefunden, um sehr lange bei der unglücklichen Ursache dieser Zerstreuung zu verweilen. Noch waren keineswegs alle vollzählig, wohl aber waren manche Jäger und Bauern durch das Lärmen herbeigezogen worden, auf die man ein wachsames Auge haben musste.

Unter diesen Fremden zog ein Hirtenmädchen Katarina die Aufmerksamkeit aller auf sich, sie ging stolz neben ihrer Ziegenherde, ihre Grösse war männlich, ihre Hüften hoch, ihr langes schwarzes Haar trug sie frei aufgebunden, ihre gebogene Nase hatte einen Adlerstolz und die aufgeworfene Lippe verleugnete diesen weder durch Ansehen, noch durch Rede. Einige junge Leute machten ihr leichtsinnige Anträge, sie wirft alle hochmütig von sich und wenn sie um die Ursache dieses Stolzes fragten, antwortete sie höhnisch: "Weil ich eine Jungfrau bin." – Als die Bauern sahen, dass die Fremden sie neckten, fingen sie auch an sich in etwas sehen zu lassen, der eine fragte: "Was macht der Herr Vater Edelmann auf der Burg?" – Sie erwiderte stolz: "Er prügelt euch Bauern!" – Güldenkamm, der ein Gefallen am Ungewöhnlichen vorgab, nahte sich ihr mit vieler Artigkeit, wodurch er ihr Zutrauen schnell zu erwerben wusste, dass sie von ihm Wein und speisen annahm, ihm auch erlaubte ihre Ziegen an sich zu locken, die er herzte und küsste, als hätte sich alle Zärtlichkeit von Susanna plötzlich auf diese Tiere geworfen, er trug sie und schüttelte sie, neckte sie, bis sie gegen ihn anliefen, dann fing er den Stoss mit seinen Händen auf. Katarina schien das mit Wohlgefallen zu bemerken, sie sass dabei in ernster Ruhe und sang ein Hirtenlied, das sie auf sich gemacht hatte:

Die Schäferin

Mit Rittersinn,

Die Jungfrau rein

Geht ganz allein,

Der Bauernknecht

Ist ihr zu schlecht,

Aus edlem Blut

Erwächst ihr Mut.

Des Kaisers Jagd

Zieht übers Feld,

Des Kaisers Macht

Sich ihr gesellt,

Der Kaiser spricht

Ihr ins Gesicht.

Der Kaiser

Vom Schloss ich zieh,

Zu dir ich flieh,

Lieb Schäferin,

Nach deinem Sinn.

Mein Zepter wird

Ein Hirtenstab,

Und was ich hab,

Dich Schäfrin ziert. –

Die Schäfrin spricht

Vor sich ins Gras,

Ihr im Gesicht

Der Kaiser las.

Schäferin

Ich Schäferin

Mit leichtem Sinn

Sing ruhig fort

Mein sinnig Wort:

Ein jeder bleib

Bei seiner Herd,

Den König ehrt

Kein Schäferweib.

Der Gesang entzückte Güldenkamm, er glaubte einer vertriebenen Kaiserin begegnet zu sein, er sagte ihr entzückt, dass ihr Wesen ihre hohe Abkunft beweise, und sie nahm diese Worte mit sichtbarem Wohlgefallen auf, auch sprach sie gern mit Susannen, die sehr bald aus ihr herausbrachte, dass sie sich für die Tochter eines Grafen halte. Die Bauern aber versicherten, es sei nicht wahr, der Vater habe sie oft darum geschlagen, es sei daher gekommen, dass eine Gräfin in früher Zeit sie einige Zeit zu sich genommen habe, bis ein eigenes Kind die Lücke gefüllt hätte, da sei sie im schloss nicht mehr wie sonst geliebt und verzogen worden, das habe sie gekränkt und sie sei fortgeflüchtet. Das sei schon sehr lange und Katarina gar nicht so jung, wie sie aussähe. Die Gräfin fand diese Aufführung so undankbar, dass sie das Mädchen nie wieder gesehen hat, Katarina hingegen lebt in ihren Gedanken noch immer auf dem schloss, sie verrichtet ihre Geschäfte, dann aber nimmt sie alle vornehme Leute, die sie dort gesehen, in Gedanken zum Besuche an, spielt mit ihnen wunderliche Abenteuer, wobei ihre Tugend und ihr Leben oft in schrecklicher Gefahr zu sein scheinen, die sie aber alle glücklich überwindet.

Anton bat die Leute, Güldenkamm von diesen Einbildungen der stolzen Hirtin nichts zu sagen; da er doch wegen einiger vermisster Reisegenossen den Tag noch im wald gelagert bleiben wollte, so versprach er sich davon einige Unterhaltung. Sehr bald ging Güldenkamm mit der Hirtin in tiefen Gesprächen den Berghang hinunter; als er zurückkam, schien er in besonders heitrer