1817_Arnim_006_195.txt

unterworfen sind, die nichts anerkennen als die Gewalt, dass sie so einen Betlärmen bei einander machen, wie jede Art Vieh sich an solch Geschrei und auch die erkennt, die sie füttern; die Menschen aber, die in ihrer Erkenntnis aus den übrigen hervorgerissen sind, denen genügt kein solches auswendig gelerntes Plappern."

"Herr, Ihr seid schon weit über Luter", sprach Güldenkamm, "Ihr könnt Euch immer scheiden lassen."

"Aber hört", sprach Susanna, "wenn unsrer Inbrunst nun kein Wort genügt und die Stummheit unsern Herzen widerspricht, sind uns da nicht Worte willkommen, bei denen das Gefühl stets mit Heiligkeit verweilte, die von uns nie gemissbraucht sind, weil sie uns nicht verständlich sind, während in unserer Sprache selbst die frommsten Redensarten gar oft fluchend und spottend vor unsern Ohren missbraucht sind, darum bete ich mein Ave Maria."

"Ihr würdet Euch also niemals scheiden lassen?" fragte Anton erleichtert.

"Ich verdamme keinen, der es tut", sprach Susanna, "ich habe in Pforzheim viel fromme Leute gesehen, die sich in grosser Ehrbarkeit haben scheiden lassen, ich aber, wem ich mich verlobe, dem ergebe ich mich für Zeit und Ewigkeit, seine Tugend und sein Laster soll mein werden, kein Geschick kann mich von ihm trennen, mir scheint eine Ehe wie das Leben von Zwillingen, die ohne dass sie es selbst wissen, zusammengewachsen sind, nur in diesem Glauben der vollkommenen Einigung könnte ich mich einem mann ergeben."

Anton drückte ihr die Hand, es dämmerte ihm eine Aufklärung seiner wunderlichen Schicksale aus diesen Worten, er aber wusste sie nicht zu deuten. Nicht lange blieb ihnen Frist von diesem inneren Leben in ihnen zu verhandeln, die Reiter, welche mit ihren Pferden bisher sie nicht hatten einholen können, ritten jetzt in ihre Nähe und der Ritter Blaubart dankte Anton in den freundlichsten Worten, dass er ihm durch das Geschenk des Degens, womit er ihn überwunden, den vergangnen Schmerz zu einer angenehmen Erinnerung habe umschaffen wollen; er schwor, das Schwert bis zu seinem letzten Atemzuge zu bewahren, es solle ihm den Ernst und die Würde verleihen, die er bisher, von einem gütigen Vater verzogen, oft vergessen habe. Was konnte Anton so grossen Vorsätzen entgegenstellen, um den Degen wieder zu erhalten; sollte er ihn wegen seiner Zauberkraft rühmen, so verlor sein Kampf und alles sein Bemühen den Wert, im grund war er auch froh wieder von einer der schrecklichen Gewalten frei zu sein, die ihn bisher getrieben hatten.

Den Ritter Blaubart trat jetzt ein Haufe Zigeuner an, die mit schussfertigen Gewehren, in Vortrupp und Lauscher verteilt den Weg herunterzogen, sie hatten nichts Bösartiges im Sinn, suchten ihm aber ihre Kunst gleich deutlich zu machen, indem sie ihn als blanken Bräutigam anredeten. Er musste ihnen die Hand zeigen und ein altes Mütterchen fahr zurück, sie sagte ihm, er werde fünf Frauen haben und viere davon würden gewaltsam umkommen.

"Wie geht es mir aber dann?" fragte er lachend. Die Alte sagte: "Buch zu!"

"Diese Alte müssen wir doch etwas näher betrachten", sagte Güldenkamm, "ein bedeutenderes Gesicht ist mir nie begegnet, nicht die Zauberzeichen, womit ihr Kragen und Hemdärmel gestickt sind, erzwingen von mir einen gewissen Glauben an sie, diese Stirn, dieses Auge unterwerfen mich, lasst Euch weissagen von ihr, Graf Anton."

"Frau", sagte Anton, "lasst Euer gelbes Ungeziefer von Gesellen zurücktreten, die Kerle mit ihren sonderbaren Fellen, närrischen Waffen und unverständlichen Reden stören mich, da ist meine Hand."

"Ei", sagte die Frau, "Eure Hand ist so breit, blanker Herr, dass sie ein Land bedecken könnte, und sie wird nicht hart darauf ruhen, ja das wäre nun alles recht gut, blanker Herr, aber Ihr werdet noch heiraten, das wäre alles gut, aber Ihr werdet ein junges Mädchen heiraten, das nicht bis fünf zählen kann."

Susanna ward rot und Anton sah auf sie mit dem Gedanken, es könne sie wohl betrüben, dass sie es nicht sei, und fragte, um einen übereinstimmendern Sinn zu bekommen, wessen Tochter seine Frau sein werde.

"Eines Kaisers Tochter", antwortete die Frau.

ANTON: "Wann soll ich sie erkennen?"

ZIGEUNERIN: "Wenn du niemand liebst als sie."

Susanna reichte jetzt die Hand, die Zigeunerin schlug ihr leicht darauf, gab sie ihr dann, drückte sie und sagte: "Bist bald zu gross zum Hosentragen, blanke Schwester, trag die Hosen über dein Gewissen sorgsam, dass dir nichts genommen werde, was du nicht wieder bekömmst."

Güldenkamm war auch schon mit der Hand bereit, die Zigeunerin lachte: "Ihr werdet noch allen aus der Not helfen ohne selbst einen Rat zu wissen, Ihr seid ein Mann des Zufalls, seid zufrieden mit allem, was er Euch beschert, ein verständiges Weib täte Euch not."

"Das ist infam", schrie Güldenkamm, "das Weib macht mich zum Narrn."

"Nein", sprach sie, "du wirst nur zum Narrn gehalten, aber du bist keiner, der aber dort auf einem Pferde sitzt, das er immer mit dem Zügel anzieht, wenn es still stehen soll, der hat einhundert Narrenkappen in seinem Wappen und wird Euch so gut bedienen, wie irgend ein Narr vornehme Herren bedient hat.