1817_Arnim_006_19.txt

da lief er dem ungeheuren Knochengerüste geschickt zwischen die Beine, dass er zu Boden fiel, und sich dabei die Nase zerstiess, dass er blutete. Nun fielen alle drei über ihn her, banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen an den Haken der Winde, nach der Aussenseite der Stadt, und liessen ihn auf der Hälfte des Turms, wie einen geschossenen Raubvogel, als Warnungstafel hängen. Bastian fluchte und wetterte, dass er es ihnen gedenken wolle. Der alte Bertold und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes, die er so männlich beurkundet hatte, und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage gedient habe, aber sie sprachen nur heimlich davon, dass der Junge nicht stolz würde. Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten für Frau Hildegard, um sie herab zu lassen, er wurde an der Winde nach der Stadtseite befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch fürchtete, legte sich der alte Bertold zu ihr, als wär's ihr Ehebette, der junge Bertold aber sprang die Treppe hinunter, dass der Kasten nicht hart auf das Pflaster stossen möchte. So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder, während der hängende Kriegsknecht durch die natürliche Aufwikkelung des Stricks zum Turm erhoben und von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde. Während die beiden unten glücklich ausstiegen, schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter, weil er das Horn mit Sägespönen von den Arbeitern gefüllt erhalten und sich den Mund damit gar unbequem zugepappt hatte. So wollte der Himmel gar keine Rührung im haus der Bertolds bei diesem wichtigen Ereignis dulden, vielleicht um sie aufmerksam zu machen, dass sie wichtigen begebenheiten, grösserem Leben entgegen gingen; auf der Höhe des Turms hatte sich ein grosses Handelshaus begründet, das sich bald zum Palast ausbaute. So ging's damals sehr häufig, die Welt war noch nicht so durchwandert und umschifft, wie in unsern Tagen, es war damals dem Himmel noch leicht, durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die arme zu greifen und ihn zu erheben. Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen einer Menge volkes, die allerlei gutmütigen Scherz, aus Neugierde sie zu sehen, ausgehen liess, weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz verhältnismässig vorfand, so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebäudes nach dem Seitenflügel geführt, wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet hatte. "Gott segne meinen Eingang und Ausgang", das waren ihre einzigen Worte, dann weinte sie und flehte zu Gott dass der junge Bertold immer artig und anständig bleiben möchte und machte sich geschäftig an die Einrichtung der Wirtschaft.

Der alte Bertold war mit einigen Briefen beschäftigt, die ihm ein fremder, langer, etwas gebeugter, schwarz gekleideter Mann überbracht hatte. "Herr", sagte er, "Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberühmten Münsters zu Strassburg," Er sah ihn bei diesen Worten genauer an, der Mann hatte schattige, schwarze Augenbraunen, sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so seltsam äusserte er sich auch, er sei zwar der Baumeister des Münsters, aber er habe ihn nicht erbaut; er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen, aber es sei eine Hauptabsicht seiner Reise, den Palast des Barbarossa zu sehen, nicht eben, was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden, sondern wie er eigentlich in älterer Zeit beschaffen gewesen. Der alte Bertold erzählte ihm, was er wusste, aber der Baumeister wusste schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der blossen Anschauung, als der Alte, so dass dieser froh war, als der junge Bertold herbei kam. Er liess ihm diesen zur Gesellschaft, als ihn Geschäfte fortriefen, und der junge Bertold führte ihn in den Hof.

Der junge Herr, wie jetzt der junge Bertold gewöhnlich von den Arbeitern genannt wurde, glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben, wie mit dem mann, der jede seiner Bemühungen zu schätzen wusste, überall ihm mit Einsicht und gutem Rat entgegen kam, zugleich eine Fülle von Hoffnungen über das allmähliche Steigen und Befreien der Städte von Fürsten und herrschenden Geschlechtern vor dem mutigen Herzen des Jünglings ausbreitete. Dürfe er sich einst den Geschlechtern gleich schätzen, dachte er, so möchte auch wohl Apollonia jeden Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen. "Herr Baumeister", fragte er, "wie kommt's, dass die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich beschäftigen, unser alter Mauermeister hat auch die Art, während sich der Zimmermann nur mit dem abgibt, was eben zu tun not ist." – "Brave, starke, entschlossene Leute sind die Zimmerleute", erwiderte der Baumeister, "haben richtiges Augenmass, wissen Schnur, Winkelmass und Senkblei zu brauchen, lassen die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen, und fürchten nie, dass sie sich selbst treffen; sie sind zu allen zeiten gerecht, doch zornig gefunden worden. Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewöhnlich mit dem Jahre angefangen und gerichtet, geht rasch empor und sinkt noch schneller in Asche, denn das Feuer ist ihrer Werke unversöhnlicher Feind. Wir Maurer arbeiten daran, sie wegen dieser Vergänglichkeit ganz zu vertilgen; könnten wir es leisten, so müsste kein Spon Holz an den Gebäuden sein, doch hat dies grosse Hindernisse und wir müssen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen lassen. Was von uns aber ordentlich steht, das lässt die Feuerzerstörung wie der Himmel des Menschen Lästerung über sich hinziehen und wartet