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dem tod und ihre Schützer dem Verderben übergeben haben. Hier erfuhr Anton, dass der Brand in dem Frauenhause zu Augsburg, der heimlich sein Gewissen beschwerte, ein längst beschlossener Bundesstreich dieser Rotte war, der ihnen aber durch Antons Händel und die dadurch erweckte Besorglichkeit der Bürger weniger eingetragen hatte, als sie erwartet. Daher der plötzlich wieder erwachte Ingrimm in Segers Herzen, dessen ganzes Verhalten zu Anton, wie der Schüler meinte, noch besondere Gründe haben müsse, er sei zuweilen sehr ängstlich um ihn besorgt gewesen. Der Schüler fieberte dann allerlei Geschichten unter einander, endlich kam er auf den Anschlag gegen die Stadt, nannte die Orte, die von Seger zum Feuereinlegen bezeichnet gewesen waren, welches Feuer schon in der Nacht hätte auskommen sollen, um die Bürger am Morgen in der grössten Verwirrung zu überfallen, er bezeichnete den Ort der Mauer, wo er mit seinen Gesellen eingeschlichen war. Er habe im wirtshaus das erste Feuer einlegen sollen und sei fast damit fertig gewesen, als er in der kammer von einem fremden Knaben ein Gebet vernahm, der sich und die ganze Stadt in die gnädige Vorsorge Gottes befohlen und bekreuziget habe; die stimme habe aber auf eine Stelle in seiner Seele getroffen, die er hart zugefroren gemeint und jetzt so weich gefunden, dass sein ganzer Vorsatz darin versunken. Gleich habe er das eingelegte Feuer gelöscht und einige Häuser weiter eingelegt, er habe sich erkundigt, wer der Knabe sei, und man habe ihn Kurt genannt, er sei mit Seger gekommen; was ihn aber über alle Beschreibung geärgert, denselben Knaben habe er am Morgen im Gefechte überall gegen sich gefunden und ihm doch nichts anhaben können, er wisse selbst nicht, wie ihn das so wild gemacht, dass er darum auf Anton so unermüdlich losgestossen.

Dieses war seine letzte Erzählung, seine Notseufzer verkündigten sein Ende, ein Kinnbackenkrampf schloss ihm den Mund, durch den nur ein dumpfes Schlucken hervorscholl. – Die allgemeine Ermüdung machte der Sitzung ein Ende, die nötige Vorsicht für die nahende überschattende Nacht auf den Wällen und bei der Brandstätte beschäftigte Anton noch einige Zeit, dann führte ihn der Ratsherr Ehinger, der Vater der schönen Gertraud, nach seinem haus, um ihn dort zu bewirten und zu betten. Vergebens weigerte sich Anton aus einer Bescheidenheit, die ihm im Glücke immer eigen war, bei ihm zu nachten, doch drang er sehr ernstlich darauf, erst von seinen beiden gefährten, Güldenkamm und Susanna Nachricht zu bekommen.

"Für die ist längst bei mir gesorgt", sprach der dienstfertige Mann, "was werdet Ihr aber sagen, werter Ritter, wenn ich Euch versichere, dass jetzt die Zeit gekommen, wo die Schmetterlinge aus ihren Larven fliegen und in der Sonne glänzen."

Anton verstand ihn nicht, jener fuhr fort: "Ihr werdet sehen, dass ich eine neue Tochter gewonnen, da mein Sohn verloren und meine Tochter durch Heirat mir entfremdet wird, und einen Sohn wohl zugleich, wenn ich die jungen Leute recht verstehe. Ihr seht mich gross an und legt den Finger an den Mund, ich will's Euch erklären, der Kurt von hier, der in früheren Jahren zu Waiblingen bei einem reichen Vetter sich aufhielt, von dem nach Augsburg geschickt wurde auf die Stadtschule und dort durch böse Lust verführt, mit einem öffentlichen Mädchen flüchtete, jetzt hört, leise, denn mein Schmerz kann es Euch nicht laut sagen: ist eben der fahrende Schüler, der durch Euch und Güldenkamm gefallen ist; macht keine Entschuldigung, ich lese sie auf Eurem gesicht; Ihr tatet ein herrlich Werk, ich hätte es selbst vollbringen müssen, wärt Ihr nicht gewesen, es war ein Ausbund von Verderben in diesem Knaben. Der Himmel hat ihn mir schon reichlich in Eurem Kurt ersetzt, der Susanna heisst, und in edler weiblicher Tracht alle unsre Mädchen an Ausdruck und edlem Leben übertrifft, ein Hieb hatte den Wams gelöst, ich erkannte ihr Geschlecht und gebe sie ihrem Geschlechte zurück, Güldenkamm ist zum Vergehen in sie verliebt und verlässt sie keinen Augenblick."

Mit diesem gespräche hatten sie sich dem haus des Ratsherren genähert, Anton, von allen Gefühlen bestürmt, nahm doch mit tiefem Schmerze wahr, dass ein Jammer über den nahen Verlust Susannens diese alle überwältigte; schweren Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna entgegen, die auf einem Ruhebette eingeschlummert war. Er staunte, als er sie jetzt anschaute, und vergass darüber, Güldenkamm für die Kühnheit zu danken, mit der er dem Gefechte zwischen ihm und dem fahrenden Schüler ein Ende gemacht hatte; er sah sie in vollendeter weiblicher Reife vor sich stehen, so schnell hatte das tätige Leben, worin er sie gestürzt, ihre entwicklung beendigt. Ihre verbrannte Haut, im Antlitz und an den Händen, wie eine fremde Färbung neben dem weissen Schnee ihrer arme und ihres Halses, erinnerte an einen Übergang aus einem sehr verschiedenen Lebensklima; in aller Bewegung erschien sie sonst in dem Ebenmasse und der geschickten Verbindung einer Frau, die lange in den besten Gesellschaften ihres Geschlechts gelebt hatte; der Anstand war ihr etwas Eingebornes, kein Angelerntes, sie konnte ihn nicht lassen, also konnte sie auch nicht dagegen sündigen. Bald erhoben sich noch andere befreundete Hausgenossen; Ritter Blaubart, der an seinen früheren Wunden litt und an diesem Tage wieder ein paar leichte Wunden erhalten hatte, bat Anton zu ihm zu treten und bot ihm seine Hand, um damit allen vergangnen Streit auf ewig aus seinem Herzen auszulöschen