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Nachtische, der in einigen Rettichen bestand, und schnitzte in Gedanken Taler, als ihm durch des Junkers Knaben ein Ausforderungsbrief für den morgenden Tag, wo er sich schon der Wirtin, den Schuldnern und dem Teufel verschrieben hatte, abgegeben wurde. Er versprach sich einzufinden und bat den Doktor nachher ihm Waffen zu leihen, der aber durchaus nichts davon wissen wollte, sondern ihn zärtlich küssend an seine Gesundheit und an die Verpflichtungen erinnerte, die er gegen ihn übernommen. Die Not bestürmte jetzt Anton von allen Seiten, von Seger erhielt er keine Nachricht, die Wirtin scherzte schon mit widerlicher Zärtlichkeit von der Nacht, die der nächsten folgen solle; der Wirt sah so spöttisch auf seine Hosen, als ob er selbst schon drin zu stecken hoffe. Faust verfolgte ihn mit abgeschmackter Freundlichkeit und selbst der Knecht Mephistopheles erlaubte sich widrige Scherze gegen ihn, als ob er seine Not durch und durch kenne, er sah kein Mittel, seinen Mut dem Junker zu zeigen und zu bewähren; er sass trübsinnig in einem Winkel des Zimmers, wo er am Morgen triumphiert hatte, und spielte mit den Hunden, die von allen sonst gestossen und getreten nur an ihm einen Schutz fanden. Faust war mit seinem Diener, zierlich geschmückt, in das Haus des gastierenden Ratsherrn gegangen, wo er sich durch reiche Verlobungsgeschenke den Eintritt verschafft hatte. Anton sah ihn mit der ganzen Gesellschaft nach einem Garten vorüberziehen; zur Zerstreuung wäre er ihnen gern nachgefolgt, der Abend blickte so herrlich über die Dächer, und die Weiber liessen ihre Augen wie Pfauen ihren vieläugigen Schweif herrlich glänzend darin umhergehenaber die Wirtin hatte sich in die Tür gesetzt, und ihre Zärtlichkeit zu durchdringen war ihm ein schweres Werk, er blieb also ruhig auf seinem Schemel und wartete, dass der Sohn der Wirtin aus der Schule komme und ihm mit Geschwätz die Zeit vertreibe.

Der kleine Georg setzte sich zu ihm und erzählte ihm von allen Gästen, die im haus wären. Gegen den Doktor hatte er einen besonderen Hass, ungeachtet ihm dieser allerlei süsse Kuchen geschenkt hatte, er mochte sie nicht essen. Georg erzählte, wie er von seiner alten Wärterin von einem Wolfe gehört habe, der vor einem dunklen wald in einem weissen Zuckerhäuschen wohne er meinte, der Wolf sehe so aus wie der Doktor, der Wolf habe auch eine Menschenstimme und rufe den Kindern, die hinter der Stadt spielten, alle Tage zu: "Bübchen, willst du Zucker?" Endlich ging der eine kleine Bube und ein kleines Mädchen hin nach dem weissen haus, wo sie die stimme gehört hatten, sahen den Zucker so recht sternig blinken und leckten daran und knusperten was ab. Der Wolf lag ruhig drin und sah sie recht gut, fragte aber, als wenn er sie nicht sähe: "Wer nagt an meinem Zuckerhäuschen?" – "Das ist der Wind", sagten die Kinder, waren etwas still und nagten dann wieder ein Stück ab. – "Wer nagt an meinem schönen Zukkerhäuschen?" fragte der Wolf noch einmal. – "Es tut der Regen", antworteten die Kinder, waren wieder eine Weile ganz stille, dann aber brachen sie noch ein gut Stück ab, um es den andern Kindern zu bringen. Da fragte der Wolf zum dritten Male: "Wer nagt an meinem wunderschönen Zuckerhäuschen?" – Da wussten die Kinder nicht, was sie antworten sollten, und der Wolf sprang heraus, packte sie mit seinen scharfen Klauen und drohte ihnen zornig: "Wenn ich euch gleich wie ein Huhn in der Suppe zerrisse, das wäre mir leicht, aber ihr seid mir noch nicht fett genug zur Suppe, ihr habt nach Zucker gelüstet, der soll euch werden; da seht, ich sperre euch in meinen Zuckerkasten, und hier aus dem Gitterchen streckt ihr jeder euer klein Fingerchen, dass ich sehe, ob ihr recht zugenommen habt, auf dass ihr mir wohl schmeckt." – Und da mussten die Kinder in den Kasten, das Bübchen sass beim Zuckerkandis, der glänzte prächtig wie ein grosser Edelstein, und das Mädchen sass beim Kanarienzucker, der war so weiss wie Schleier, und sie konnte gleich singen wie ein Kanarienvogel, als sie kaum davon gekostet hatte, und wenn sie genug gegessen, da kamen sie beide zusammen und tanzten vor dem Gitter und sahen heraus, wie die schönen Blumen blühten, und alles bekam ihnen so gut, dass sie schnell gemästet waren. Da kam der Wolf und rief vor dem Gitter: "Bübchen zeig dein Fingerchen, dass ich sehe, ob du fett bist", und der Bube steckte in der Angst das Stöckchen heraus, worauf der Zuckerkandis gesessen, dass der Wolf mit dem kopf schüttelte und sprach: "Esst nur und seid lustig, dass ihr bald fett werdet." So ging es zweimal recht gut. Sie hatten den Wolf ganz vergessen; als er nun aber kam und wieder sagte: "Bübchen, zeig dein Fingerchen, dass ich sehe, ob du fett bist." Da konnte das Mädchen den Stock unter ihrem Zucker nicht finden; da musste das Bübchen sein Fingerchen herausstrecken und der Wolf lachte: "Bübchen, wie bist du fett geworden, das soll mir schmecken." Darauf schloss der Wolf den Zuckerkasten auf und führte die beiden zitternden Kinder an den Fluss, liess sie da stehen und wetzte seine Zähne an einem Kieselsteine, dass die Funken davon flogen. Die beiden Kinder standen ganz blass am Ufer und sahen viele