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Frau Anna trocken, "Gott verzeihe ihm, was er meinem seligen ältesten Knaben angetan hat!" – "Je, was denn Frau?" – "Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt; wenn er kaum eingeschlafen war, überfiel ihn ein grosser Schrecken, er rang sich die hände zum Erbarmen, und war alsbald wie in Schweiss gebadet; mit offenen Augen hielt er sich fest an mir, aber kannte mich nicht; wenn ich ihn nun durch vieles Rütteln, selbst durch Schläge erweckte, da wusste er nichts zu sagen, als von Seger, dem schwarzen Teufel, der den Vater in die Hölle führte, dann schlief er wie ein toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwölf Stunden ununterbrochen, am andern Morgen wusste er nicht, was mit ihm geschehen, er wurde aber von Tage zu Tage matter und hinfälliger, dass er zuletzt beständig zu Bette bleiben musste. Das war aber der Teufel, von dem meine beiden Kinder besessen waren und der kam nicht aus meinem ersten mann, der war fromm und gut, aber der zweite hatte den Teufel im leib, von seinem Blute kam es auch beim ältesten."

Susanna verstand das nicht, sie mochte aber nicht mehr davon hören, vielmehr kam sie mit erneuten Vorstellungen für Anton Frau Anna wieder sehr unrecht. Heftig rief diese: "Und könnte ich ihn mit einer Stecknadel loskaufen, ich stiess sie ihm lieber ins Herz! Geh Kurt, hüte dich vor dem Menschen, er borgt dir sicher was ab; er soll sich was verdienen, dann mag er sich vor mir sehen lassen, sonst will ich ihn beim Rat verklagen. Du bist ein guter Junge, Kurt, dir schenkte ich gerne was, aber sieh, ich hab nur noch wenig; etwas musst du aber von mir nehmen zum Angedenken wenigstens, wenn's dir sonst auch nichts hilft. Da hast du den Degen und den Beutel, oder willst du ihn nicht behalten und willst recht gut sein, so gib es meinem Mann; mit dem Degen sollte er auf Beute ziehen, und wenn er mir den Beutel voll Geld bringe, dann solle er auch einmal wieder in meinem Bette schlafen." Das alles hatte sie mit einer Härte gesprochen, die Susannen erschreckte; sie wäre ohnedies bald fortgegangen, ausserdem ermahnte sie aber noch eine bekannte stimme zur Rückkehr nach dem wirtshaus. Güldenkamm sang vor der tür zur Ziter:

Von Wein und von Scherz

Entfliehet mein Herz

Durch die drückende Hitze.

Durch die blendenden Blitze

Hab ich umsonst ihr gesungen:

Wohin, ach wohin ist mein Liebchen entsprungen?

Ein lieblicher Duft

Erfrischet die Luft,

Herrlich segnen die Gluten,

Sterne spiegeln in Fluten,

Schmerzliche Glut, die ich leide:

Dahin, ach dahin ist die liebliche Freude!

Und wär sie nun nah,

Und wär sie nun da,

Sähen Sterne sie wieder,

Säng ihr Nachtigall Lieder;

Ich nur allein, ich müsste dann schweigen.

Vorhin, ach vorhin war Liebchen mir eigen!

Susanna wusste kaum, wie sie Abschied genommen und wie sie zur tür hinaus gekommen, sie horchte, und das ganze Haus schien ihr in schmerzlicher Bezauberung; sie ergriff Degen und Beutel, der ihr verehrt war, grüsste kaum und sprang die Treppen hinunter zur Tür hinaus zu dem Sänger, dem sie ihre Trauer erzählte, von der harterzigen Frau. "Der arme Anton!" sagten beide; dann aber griff Güldenkamm in die saiten und sprach ergriffen mit grosser Lebendigkeit von allerlei Plänen, wie sie sich künftig durch Schauspielerei ernähren könnten, sie wären gerade vollständig drei, um alles Traurige und Lustige der ganzen Welt darzustellen.

Hätten sie gewusst, wie bedrängt ihr armer Anton zu Pforzheim in der Zwischenzeit lebte, sie würden sich nicht so leicht beruhigt haben. Seger war gleich nach ihrer Abreise fortgewandert, indem er Anton versicherte, er habe kein Geld, er wolle auf Wilddiebere ausgehen; die Pferde, erzählte er ihm, habe er in der ersten Nach im Brettspiel verloren. Anton war nun ganz sich selbst überlassen ohne Geld und nicht ohne Misstrauen wegen seiner Landsknechtskleidung von dem Wirte angesehen, der für alles gleich bar bezahl sein wollte. Die wenigen Kreuzer, die Seger zurückgelassen, waren bald verzehrt; er wusste sich keinen Rat, als unerwartet ein Jud zu ihm eintrat um alte Kleider von ihm zu erhandeln. Es schien ihm ein Himmelsbote, denn gleich fielen ihm seine Pluderhosen ein, die wohl vierzig Ellen gutes Tuch entielten; er fragte der Juden, was er ihm zu einem Paar anderer zugeben wollte. Er musst sie ausziehen, der Jude besah sie inwendig so lange, dass Anton ihn mit der krummen Nase hineinstiess, dann hielt er sie gegen das Licht; endlich sagte er, sie wären schon sehr dünn, er wolle ihr aber doch ein Paar andere Hosen dafür geben. "Verfluchter Jude" rief Anton, "was gibst du aber zu? sonst behalte ich sie."

"Nun", sagte der Jude, "ich will noch ein Paar Handschuhe zu geben."

Anton warf ihn über diese unbequeme Rede zur Tür hinaus "Wer solche hände hat, braucht keine Handschuhe." Als er seine Hosen kaum wieder angezogen hatte, klopfte der Jude wieder an die Tür und bat sehr demütig, er möchte den Handel ihm nicht versagen, er wolle die Hosen noch einmal besehen. Anton in seiner Not musste die Hosen wieder ausziehen, der Jude besah sie und sagte, er wolle sie nur einem