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sich Susanna von der lustigen Gesellschaft losmachen, um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen. Im haus musste sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten; sie sah mit Teilnahme allen zu, wie ein paar Hundert mit heisser Begierde und wenig versteckter Absicht den wohlfeilen Verkauf aller der Geräte wünschten, die Frau Anna bald mit einem Seufzer, bald mit einem hervorhebenden Lobe, manche selbst mit Tränen dem Versteigerer darreichte. Sah Susanna, dass ein paar bärtige Hebräer sich mit einander heimlich beredet hatten, auf etwas nicht zusammen zu bieten, so kam ihr die Lust, sie in die Höhe zu treiben; ein paarmal verschluckte sie das halb ausgesprochene Wort, dann aber, als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem Schranke dazwischen redete, die Beschläge wären ja mehr wert und es sei ihr Brautschrank gewesen, worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit verehrt, da bot Susanna einige Kreuzer höher, und mit einem Schrecken durch alle Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu. Das Zahlbrett wurde ihr gereicht, voller Verzweiflung fasste sie in ihre tasche, und mit Verwunderung fand sie mehr darin, als zur Zahlung nötig. Erst wendete sie zu Gott den blick, dann zahlte sie und gedachte, wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie zum Scherz, ob sie auch reich sei, in die tasche des Wamses gegriffen; wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmütigkeit das Geld eingesteckt.

Die Versteigerung ging gegen die Zeit, wo man hätte Licht anzünden müssen, zu Ende; da gab es aber noch ein Besehen und Bereden über alles Erkaufte. Endlich verlief sich die Menge, und Susanna liess sich von der Magd, die sie vom Morgen her gleich wieder kannte, zu Frau Anna führen. Frau Anna stand in einem Zimmer, wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten, wo sie gestanden und wo das Licht nicht hindringen konnte, zurückgelassen hatten; sie hatte ihrem toten Oswald ein weisses Hemde reinlich angezogen, sein Haupt mit einer Myrtenkrone besteckt; sie wartete auf den Schreiner, der den Sarg bringen sollte, und sah stumm auf das bleiche Gesicht hernieder. Die Magd sprach im Hereintreten: "Der junge Mensch, der heute Frau Bürgermeisterin gehalten, als sie in Ohnmacht gefallen, will gern einen Brief abgeben."

Frau Anna sah auf, als wüsste sie wenig von allem, was mit ihr vorgehe. "Wer bist du?" fragte sie.

"Ich heisse Kurt von Pforzheim!" antwortete schüchtern Susanna.

"Da kenn ich dich schon", sagte sie; "du willst wohl gut machen, dass wir einmal in Unfrieden geschieden, mein guter Kurt? Du bist in der Zeit gewachsen, mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen; da waren noch gute zeiten bei meinem seligen Herrn, wo wir alle Tage was Neues fanden, ja gestern fielst du mir wieder ein beim Ausräumen der Kasten, da kam mir der lederne Beutel und der Degen wieder in die hände, den du aufgefunden hattest und durchaus behalten wolltest; weisst du noch, wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast, nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht liesse; damals war's wohl genau von mir, dass ich's aufbewahrte, jetzt kommt's mir zu Gute; sieh, da liegt der Degen und da der Beutel, ich löse doch wohl einen Kreuzer daraus."

Susanna war bei dieser Anrede in heisser Verlegenheit, sie meinte, es könne nicht fehlen, dass sie sich bald verreden müsste; stammelnd sagte sie: sie möchte an die zeiten nicht denken, das würde sie nur traurig machen, sie habe ihr eine kleine Freude machen wollen, indem sie ihr den Schrank, worin die Ausstattung sich befunden wiedergekauft hätte, und sie bäte, ihn wieder in Besitz zu nehmen.

Frau Anna war ausser sich vor Dankbarkeit, sie lief gleich hinunter und befühlte jede Leiste, ob auch nichts davon losgebrochen; dann trug sie ihn, er war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet, wieder in das Totenzimmer und legte mit grosser Hast ihr totes Kind hinein. Susanna verwunderte sich, aber Frau Anna sprach mit grosser Heftigkeit: "Du lieber Schrank, du hast all mein Glück so viele Jahre bewahrt, nun sollst du auch das Liebste, was mir noch übrig ist, zu grab tragen!"

Der Schreiner trat jetzt herein und sagte, dass der Sag nicht fertig geworden. Frau Anna sagte ihm: es sei ihr ganz recht, so sollte es sein, sie wolle ihr Kind in dem Liebsten, was ihr übrig sei, begraben. Der Schreiner äusserte sich nicht undeutlich, als er diesen Sarg gesehen, die Frau müsse aus Gram den Verstand verloren haben, inzwischen fügte er sich in alles. Frau Anna sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde; kein Geistlicher kam zu ihrem Troste, sie waren alle wegen der Unruhen geflüchtet; dann schloss sie, von unzähligen Seufzern unterbrochen, das Schloss und warf den Schlüssel in den Mühlbach, der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt floss. Der Meister Schreiner nahm den Schrank mit dem kind und ging langsam die Treppe hinunter; Frau Anna folgte, von Susannen und der Magd unterstützt.

Es war dunkle Nacht, und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Strassen, die ganz verlassen schienen; schweigend zogen sie in die Kirche, wo ihnen der Glöckner eine Nebentür öffnete und mit einer Fakkel vorleuchtete.